Ein Afrikaner steht vor einem Einkaufszentrum in Guangzhou. Immer mehr afrikanische Händler suchen in der chinesischen Metropole wirtschaftlichen Erfolg. © Reuters

Beim Verlassen der U-Bahnstation Xiaobei im Herzen von Chinas drittgrößter Stadt wähnt man sich in Lagos, Yaoundé oder Accra. Bunt gekleidete afrikanische Frauen stöbern in den Waren der Straßenhändler, die Luft riecht nach gebackenen Süßkartoffeln und den Abgasen der Mopeds, die sich durch die engen Gassen drängeln. Einzig die Schriftzeichen auf den Reklametafeln und die auffällig präsente chinesische Polizei verraten, dass man sich in China, genauer in Guangzhou befindet: der Werkbank der Welt.

Nur eine Haltestelle vom Hauptbahnhof entfernt ist hier seit dem Ende der 1990er Jahre die größte afrikanische Gemeinschaft Asiens entstanden. Je nach Zählweise leben zwischen 20.000 und 250.000 Afrikaner in dem Stadtviertel Xiaobei. Die meisten sind gekommen, um zu handeln: Mit Textilien und Elektronik, Küchengeräten und Möbeln. In Guangzhou wird alles nur Vorstellbare hergestellt und in alle Welt exportiert – in den Großverkaufshallen vor Ort kosten die Produkte nur einen Bruchteil von dem Preis, den man in Afrika oder Europa zahlen würde.

Die wachsende Präsenz afrikanischer Händler in der Stadt spiegelt die Entwicklung der afrikanisch-chinesischen Beziehungen wider. Anfang der 1980er Jahre betrug das Handelsvolumen zwischen Afrika und China nur etwa eine Milliarde Dollar. 2005 waren es bereits rund 40 Milliarden und 2011 schon 166,3 Milliarden Dollar. China ist damit Afrikas zweitwichtigster Handelspartner nach den USA. Über 100 Exportfirmen sind allein in Xiaobei angemeldet, mit je durchschnittlich 50 Millionen Yuan (5,8 Millionen Euro) Umsatz pro Jahr.

Rassische Überlegenheit

"Manche kommen mit zwei leeren Koffern, kaufen hier Kleidung ein und fliegen nach wenigen Tagen zurück", sagt Benoît, ein junger Mann aus Benin, der seit zwei Jahren in Xiaobei als Koch arbeitet. Sie verkaufen die Textilien dann in Afrika und bereiten sich auf die nächste Einkaufsreise vor. Andere – wie Benoît – bleiben länger. Sein Touristenvisum kann er im rund 100 Kilometer entfernten Hong Kong innerhalb weniger Tage neu ausstellen lassen.

Sie alle allerdings leiden unter den in China weitverbreiteten Vorurteilen gegenüber Schwarzen. "Es herrschen klare soziale Hierarchien, die auf rassischer Überlegenheit basieren", schreibt der Soziologe M. Dujon Johnson. Der in Köln lebende Wissenschaftler ist der erste Afro-Amerikaner, der an einer taiwanesischen Universität seinen Doktor gemacht hat.

Barry Sautman, Soziologieprofessor an der Hong Kong University of Science and Technology, forscht seit Jahren zum Thema des chinesischen Rassismus. "Rassismus hat eine lange Tradition in China, und rassische Typologien sind tief in traditionellem chinesischem Denken verwurzelt", sagt er. Die wichtigste Ursache dafür sieht er in dem ethnischen Einheitsgedanken, der für die chinesische Gesellschaft prägend sei.

Weitgehende ethnische Homogenität

Jahrhundertelang war China ein geschlossenes, nahezu autarkes Land. Erst 1979, unter Mao Zedongs Nachfolger, Deng Xiaoping, begann das Land sich schrittweise zu öffnen. Bis heute ist China jedoch eines der ethnisch homogensten Länder der Welt. Rund 92 Prozent der Bevölkerung sind Han-Chinesen, nur 0,04 Prozent der Chinesen wurden im Ausland geboren.

Ein Großteil der Bevölkerung hat auch heute keinen Kontakt zu Menschen anderer Ethnien. Das gelte selbst für die Städte wie Guangzhou, in denen viele Afrikaner leben, sagt Sautman. Vielen Chinesen gehe die Liberalisierung des Landes zu schnell, die Angst vor dem Verlust traditioneller "chinesischer Werte" ist groß.

Alltagsrassismus ist entsprechend weit verbreitet: "Ein Taxi zu bekommen, ist für Afrikaner viel schwerer, als für Chinesen. Sie denken, ich sei gefährlich oder würde nicht bezahlen", sagt James Obinna, ein kenianischer Austauschstudent an der Filmhochschule in Peking. Ähnliches beobachtete die afrikanische Studentin Zahra Baitie. "Ein Taxifahrer in Peking fragte mich, warum Afrikaner einander essen", berichtet sie.

Schwarze Teufel

Die Vorurteile spiegeln sich auch in der Sprache wider: Chinesen bezeichnen Menschen mit schwarzer Hautfarbe häufig als "heigui" – "schwarzer Teufel" oder "schwarzer Dämon". Das chinesische Wort für Afrika ist "feizhou", "fei" heißt so viel wie "fehlend", "nicht-" oder "inkorrekt". 

"Auch in Guangzhou wollen Chinesen nicht mit Afrikanern zusammenleben – weder räumlich, noch emotional", sagt Elle Wang, eine Doktorandin der Columbia University, die zu dem Thema forscht. "Es gibt viel Misstrauen." Xiaobei, das Viertel, in dem die Mehrheit der Afrikaner lebt, wird gemeinhin in der Bevölkerung abwertend als "Chocolate City" bezeichnet. 

Neben Afrikanern beherbergen die engen Straßenzüge und heruntergekommenen Mietshäuser in Xiaobei auch Menschen aus entlegenen Provinzen des Landes, meist ethnische Minderheiten, oft Muslime. In keinem anderen Ort in China gibt es eine solche ethnische Vielfalt wie auf den wenigen Quadratkilometern im Zentrum Guangzhous.  

Prostituiere dich nicht

In den meisten Tagen herrscht in Xiaobei ab dem späten Nachmittag reges Treiben. In der Unterführung zwischen der Huanshi Hauptstraße und dem überschaubaren Platz, der nachts zu einem riesigen Markt wird, gehen fast alle mit dem Handy am Ohr. Wortfetzen auf Französisch, Arabisch, Portugiesisch, Englisch und Yoruba vermischen sich im Echo der Tunnelwände.   

Sehr wenige Chinesen hier sprechen eine Fremdsprache, das gleiche gilt für die Händler aus Afrika. Wenn hier gehandelt wird, versteht man sich dennoch. 

Doch auch die Polizei hat auf dem Platz Posten eingerichtet, Schranken aufgebaut – oft gibt es Razzien und Durchsuchungen. Das einzige Schild in englischer Sprache steht am Rande des Platzes. Darauf prangen drohend die Regeln, nach denen sich die Ausländer hier zu richten haben, darunter auch sehr spezielle: "Nimm und verkaufe keine Drogen und prostituiere dich nicht, sonst wirst du festgenommen oder musst eine Geldstrafe zahlen." Es sind Vorschriften, die deutlich machen, was die Chinesen von den Afrikanern halten.