Proteste in Rio de Janeiro nach dem Tod eines Tänzers: Ein Demonstrant wehrt sich gegen die Festnahme durch die Polizei. © Lucas Landau/Reuters

Nun gibt es Armenaufstände in den bekanntesten Touristengebieten der Stadt: Rio de Janeiro hat seit gestern ein neues Gesicht. Wütende Anwohner stiegen nach Einbruch der Dunkelheit nach Copacabana und Ipanema herab, manche mit Steinen in den Händen. Sie steckten Fahrzeuge in Brand und errichteten Straßensperren. Anwohner verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen, Hotels verhängten Ausgangssperren für die Gäste, einige Hauptverkehrsadern blieben bis Mitternacht gesperrt. Es ist genau das passiert, was mit aller Gewalt verhindert werden sollte.

Gewalt ist das Stichwort. Die Regierung des Bundesstaates von Rio de Janeiro hat seit 2008 – im Anlauf zu den Großereignissen Fußball-WM und Olympische Spiele – ein einzigartiges und ambitioniertes Programm zur Bekämpfung der städtischen Gewalt aufgelegt. Rasch wurden die Polizeitruppen aufgestockt, es wurden 39 der schätzungsweise 500 Favelas von Rio quasi-militärisch besetzt, einige besonders problematische sogar von  Soldaten.

Diese Armutsgebiete der Stadt hatten Drogenbanden traditionell als Festungen gedient, von denen aus sie ihre Geschäfte organisierten und außerdem Territorialkriege mit anderen Drogenbanden führten. In der ersten Hälfte der 2000er Jahre waren sie ein Quell ständiger gewaltsamer Auseinandersetzungen, No-Go-Areas mitten in der Stadt, in denen der Staat nichts zu suchen hatte, und in die sich kaum ein bürgerlicher Brasilianer verirrte.  Daher rührt die Besetzung durch die Polizei, die nicht unbedingt sämtliche Kriminelle vertreiben oder den Drogenhandel unterbinden sollte, aber immerhin die Gewalt stoppen. Pazifikation nannten sie das in Rio

Warum soll ich mich gut mit der Polizei stellen?

Das Problem ist, dass es für diese ambitionierte Aktion an allen Ecken und Enden fehlte: an Geld, an Polizisten, die kaum oder falsch ausgebildet waren. Es fehlte auch an begleitenden Maßnahmen wie Sozialarbeit, Bildung, Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei gibt es schon heute  eine Handvoll Vorzeige-Favelas nahe den Touristengebieten: etwa die Dona-Marta-Favela zu Füßen der Christusstatue, in der Joachim Gauck im vergangenen Jahr singende Schulkinder treffen konnte. Oder die Babilônia-Favela oberhalb des Ausgehviertels Leme, wo junge Polizisten Altkleiderspenden verteilen und den jungen Leuten am Nachmittag Kampfsport-Workshops geben. Dort kommen 60 bis 80 Polizeibeamte auf 1.000 Einwohner, dort sind viele Sozialarbeitsprojekte begonnen worden, dort hat die Verwaltung sogar Straßen erneuert, Kanäle verbessert und Schulen eröffnet.

Doch in den meisten Favelas kommen höchstens 15 Polizisten auf 1.000 Einwohner – da reicht es häufig nur noch für Gewalt. Und obwohl der Sicherheitschef von Rio, José Mariano Beltrame, gezielt junge Polizisten ohne eine größere Vorgeschichte in die Favelas geschickt hat, treffen die Polizisten auf Misstrauen, Angst und sogar Hass bei der örtlichen Bevölkerung: Sind die wirklich für uns hier, die lokale Bevölkerung in den Armutsvierteln, oder sollen sie uns bloß von den Reichen und den WM-Touristen fern halten? Werden diese Polizisten bleiben, wenn die WM und die Olympischen Spiele vorüber sind? Warum sollte ich mich gut mit ihnen stellen, wenn mir das den Zorn der alten Drogenbosse einträgt, die früher oder später wieder die Herren dieses Viertels sein werden? Warum soll ich Sympathien für diese Beamten haben, deren Herren in der Stadtverwaltung unmissverständlich gesagt haben, dass viele Häuser in den Favelas abgerissen werden sollen, vielleicht auch meines?