Im Krieg ist Propaganda eine Waffe wie Panzer und Gewehre. Und weil es eine vergleichsweise billige und wirksame Waffe ist, setzen alle Seiten sie ein.

Das ZDF hat gerade eingestanden (hier ab Minute 6:48 zu sehen), dass es im Konflikt in der Ukraine einem Video aufgesessen ist, das vorgaukelt, russische Militärs würden offen Einfluss auf das Geschehen dort nehmen.

Das Video gibt es in voller Länge bei YouTube zu sehen. Verbreitet hat es dort ein Account mit dem Namen Alexej Gontscharenko. Darin ist zu sehen, wie ein Mann in russischer Tarnuniform auftritt und vor Polizisten in der Stadt Gorlowka, beziehungsweise auf ukrainisch Horliwka, im Osten der Ukraine, eine Ansprache hält. Er stellt sich als Oberstleutnant (подполковник) der russischen Armee vor und ernennt einen wortlos neben ihm stehenden Alexander Fjodorowitsch Schulschenko zum Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten des Ortes und damit zum Chef der Polizei. Er ermahnt die Polizisten, dessen Befehlen Folge zu leisten und Plünderungen zu verhindern. Außerdem sollen sie Armbinden tragen, um sich "von den anderen Mitarbeitern der Polizei zu unterscheiden, die noch nicht auf die Seite des Volkes übergelaufen sind".

Das Video lief am Montag in mehreren deutschen Nachrichtensendungen als Beleg für die russische Einmischung in der Ostukraine. Neben dem heute journal (ab Minute 1:22) nutzten es auch die Tagesschau (ab 0:58) und die Tagesthemen (ab Minute 2:30). Auch ZEIT ONLINE führte das Video als Beleg für eine russische Einflussnahme an. 

Einen Tag später entschuldigte sich Claus Kleber im heute journal. Die Geschichte hinter dem Video sei nicht so, wie dargestellt. Es handele sich bei dem angeblichen Oberstleutnant um einen "kleinen Betrüger, der nicht nur die Berichterstatter, sondern auch die örtlichen Polizisten reingelegt hat". Es gebe noch andere Darstellungen dieser Zusammenhänge, sagte Kleber, ohne sie jedoch zu nennen. "Aber so, wie es aussah, also ein Stück russische Machtergreifung, war es jedenfalls nicht."

Wie also war es?

Das Wort Propaganda stammt vom lateinischen propagare, was "weiter ausbreiten" oder "ausdehnen" bedeutet. Propaganda soll Meinungen beeinflussen, Menschen auf die eigene Seite ziehen oder von der gegnerischen abstoßen. Keiner Seite in einem Kampf geht es um Wahrheit, umso schwerer ist es, sie zu finden. Auch in diesem Fall.

Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtet auf ihrer deutschsprachigen Seite, das Video sei von Mitgliedern der Maidanbewegung gedreht worden. Die staatliche Nachrichtenagentur zitiert einen Wladimir Karassjow, Koordinator der prorussischen Bewegung Russischer Sektor-Ukraine, mit den Worten: "Der Abgeordnete des Stadtrates von Odessa und Mitglied der Partei Udar Alexej Gontscharenko, der sich vor Ort befand, gab zu, dass das Video vom Maidan-Aktivisten Alexej Krawzow gedreht wurde."

Geschickte Montage

Ein junger Stadtrat aus Odessa namens Gontscharenko war tatsächlich dort. Er scheint an verschiedenen Orten zu sein, an denen prorussische Separatisten aktiv sind, und deren Treiben zu beobachten. Er gibt Interviews zur Lage und erklärt sie aus Sicht der Partei Udar, deren Vorsitzender Vitali Klitschko ist. Der YouTube-Account, auf dem das Video mit dem Oberstleutnant veröffentlicht wurde, trägt seinen Namen. Alle übrigen dort eingestellten Videos zeigen Fernsehmitschnitte, in denen Gontscharenko zu sehen ist, wie er Interviews gibt, Reden hält oder Eisbaden geht. Accounts bei dem Videoportal können unter jedem beliebigen Namen mit jedem beliebigen Inhalt angelegt werden. Es ist unklar, ob der Account wirklich diesem Stadtrat gehört.

Die Behauptung, die Maidanbewegung habe das Video gedreht, ist aber wohl ebenfalls Propaganda, um eben dieser zu schaden.

Ein entsprechendes Zitat Gontscharenkos über das Video ist nicht zu finden. RIA Nowosti nutzt Gontscharenko zwar in einem Absatz des Textes als Beleg. Aber er bestätigt darin eigentlich nur, dass er dabei war, als die Polizeistation von "Anhängern der Föderation" gestürmt wurde. Dass Maidanleute das Video gedreht hätten, wie Karassjow behauptet, sagt Gontscharenko nicht. RIA Nowosti hat das nur geschickt montiert, um eben diesen Eindruck zu erwecken.