Anti-Putin-Graffiti in Odessa © Yevgeny Volokin/Reuters

In der Ukraine-Krise geht es tatsächlich, wie Angela Merkel kürzlich im Bundestag ausgeführt hat, um den Konflikt zweier Welten. Auf der einen Seite steht die "postmoderne" Politik des 21. Jahrhunderts, die Welt der Verhandlungen, Kompromisse und Verträge, auf der anderen Seite die Welt der klassischen Machtpolitik, deren Maximen für Moskau offenkundig nach wie vor handlungsleitend sind. Für Deutschland steht dabei mehr auf dem Spiel als für viele andere. Deutsche Sicherheit, deutsche Freiheit und deutscher Wohlstand sind an die Voraussetzung postmoderner Politik gebunden. In einer Welt der reinen Machtstaatlichkeit hätte Deutschland schlechte Karten.

Der Abschied vom Machtstaat kam für die Deutschen im Jahre 1945. Die totale Niederlage wurde zur Stunde des Abschieds von allem, was Deutschland über Jahre hochgehalten hatte: dem Denken in Kategorien des Krieges, der Eroberung, ja der Vernichtung. Das neue Deutschland sollte ein geläutertes Deutschland sein, gereinigt von Militarismus und Aggression. Die innere Disposition fügte sich bestens ein in die äußere Disposition: in ein geopolitisches Umfeld, in dem die USA Außen- und Sicherheitspolitik für das besiegte Deutschland mit übernahmen. Westdeutschland wurde gegründet als eine sozio-ökonomische Entität unter dem Schutzschirm Amerikas. Nur mit großem Widerwillen ließ man sich zur Wiederbewaffnung drängen.

Deutschland, aus dieser Konstellation erwachsen, ist heute der paradigmatische "postmoderne" Staat. Sein erhebliches ökonomisches Potenzial hat es nicht etwa, wie es Machtstaaten tun, in militärische Stärke umgesetzt, sondern in Wohlstand und in den Aufbau der EU. Die EU selbst wiederum ist ein postmodernes Gefüge: ein Geflecht aus Verträgen und Institutionen, dessen Stärke nicht in der Verfügung über Bataillone liegt, also in Erzwingungsgewalt, sondern im Willen der Mitglieder, die Rechtsordnung der EU anzuerkennen. Konflikte werden kommunikativ bearbeitet, divergierende Interessen ausgeglichen durch Kompromiss. Kurzfristig oft mühsam, langfristig aber äußerst erfolgreich.

Als postmoderner Staat hat sich Deutschland dieses kongeniale Umfeld geschaffen, gemeinsam mit europäischen Partnern. Anders als etwa Frankreich aber ist Deutschland auf ein solches postmodernes Umfeld substanziell angewiesen. Nur in dem Maße, in dem die Logik des Machtstaats auf der internationalen Bühne verdrängt wird von der Logik der inter- und transnationalen Kooperation, geht es Deutschland gut. Und nur in dem Maße, in dem es auf Wirtschaftskraft ankommt statt auf Kriegsfähigkeit und Kriegsbereitschaft, ist Deutschland ein einflussreicher Spieler auf der Weltbühne.

In einer Welt à la Hobbes hingegen, in der Staaten sich permanent belauern, um Schwächen des Gegners zu erkennen, um diese dann skrupellos auszunutzen, in einer Welt, in der der Stärkere den Schwächeren unterjocht, hätte Deutschland in seiner heutigen Disposition kaum Chancen. Deutschland braucht einen Ring von Freunden, die ihm Distanz verschaffen zu den Konflikten dieser Welt. Es braucht das Gefüge des internationalen Rechts, der Verträge, der sicheren Grenzen. Und es braucht eine Schutzmacht, die im Notfall bereitsteht, um Angreifer nuklear abzuschrecken.

Deutschlands wichtigste Partner, die USA, Frankreich und Großbritannien, stehen hingegen nur mit einem Fuß in der postmodernen Welt der Verträge und der wirtschaftlichen Kooperation. Zugleich haben sie sich auch die Attribute traditioneller Großmacht bewahrt: nukleare Bewaffnung und schlagkräftige, einsatzerprobte Armeen. Wenn es hart auf hart ginge, könnten sie sich autonom verteidigen. Deutschland könnte das nicht. Deutschland braucht eine Weltordnung, in der grundlegende Prinzipien von allen wichtigen Spielern respektiert werden.