Call-Center-Angestellte während der jährlichen Anrufsendung mit Russlands Präsident Putin © Alexey Druzhinin/AFP/Getty Images

"Es werden wieder Fritze gejagt", sagt der Mann mit dem strengen Adlerblick. "Wir haben deutsche Spione gefasst. Die Frage ist, ob der Westen einen Blitzkrieg gegen Russland anstrebt oder einen großen, langen Kampf." Diese Sätze wären nicht der Rede wert, würden sie von einem Russen an einer Theke irgendwo im Riesenreich geäußert. Doch sie stammen aus dem Mund von Dmitri Kisseljow während seiner Wochenschau beim Staatssender Rossija 1. Er moderierte damit am Sonntagabend einen Beitrag über die sieben im Osten der Ukraine festgehaltenen OSZE-Mitarbeiter an – vier von ihnen sind Deutsche.

Im Krieg der Worte und Bilder hat Russlands Präsident Wladimir Putin den 60-jährigen Kisseljow zu seinem General ernannt. Sein politischer Wochenrückblick ist ein Motor der russischen Propaganda-Maschine. Als unerbittlicher Scharfmacher versteht es Kisseljow, den Zorn der Russen auf den Westen zu schüren. Die OSZE-Mitarbeiter werden in seiner Sendung konsequent als Agenten vorgeführt – Bezüge zu "Nazi-Spitzeln" während des Zweiten Weltkriegs inklusive –, während sie in westlichen Nachrichten als Inspektoren oder Militärbeobachter bezeichnet werden. Im nächsten Beitrag geht es um die Krim. Dort kollabiert die Wasserversorgung, weil die neue Führung in Kiew die wichtigste Leitung vom Festland auf die Halbinsel blockieren soll. "Überall auf der Welt würde so etwas als Genozid bezeichnet werden", heißt es dazu ebenso wortgewaltig wie vieldeutig in der Wochenschau.

Als einziger Journalist landete Kisseljow auf der Sanktionsliste der USA und der Europäischen Union, die vor allem Putins engste Vertraute treffen soll. Ein solcher ist Kisseljow spätestens seit seiner Ernennung zum Chef der internationalen Nachrichtenagentur Rossija Segodnja (Russland heute) im Dezember 2013. Dieser potenzielle Meinungsgigant löst die leidlich objektive Ria Novosti ab, beinhaltet den staatlichen Radiosender Stimme Russlands und befindet sich noch im Aufbau. Die zentral vom Kreml gesteuerte Nachrichtenvermittlung ist laut Putin-Sprecher Dmitri Peskow nur legitim: "Ein Propaganda-Instrument ist ein unveräußerliches Attribut eines jeden Staates. So etwas gibt es überall."

"Politisches Tschernobyl"

Kisseljows Sender Rossija ist mit zwei weiteren staatlichen Anstalten der Hauptgrund für die in Europa oft kopfschüttelnd registrierten Beliebtheitswerte von Präsident Putin von bis zu 80 Prozent. Neun von zehn Russen beziehen laut Reporter ohne Grenzen politische Nachrichten in erster Linie aus dem Fernsehen – der einzige oppositionelle TV-Sender Doschd flog kürzlich aus den meisten Kabelnetzen. Übers Internet ist er jedoch nach wie vor zu sehen, wie das Netz in Russland bislang ohnehin frei ist. Anders als zu kommunistischen Prawda-Zeiten der staatlich verordneten Wahrheit haben die Menschen also die Möglichkeit alternativer Informationsbeschaffung. In der Praxis folgen viele außerhalb der Ballungszentren jedoch Kisseljow. Der bezeichnete in seiner Sendung die Maidan-Revolution als "politisches Tschernobyl" und verkündete kürzlich maliziös lächelnd, dass Russland die USA in "atomare Asche" verwandeln könnte.

Seit Putin 2012 an die Macht zurückgekehrt ist, kann die mediale Sphäre als ein Zug mit drei Abteilen betrachtet werden. In der dritten Klasse haben Kisseljow und die Seinen das Sagen. Ihre brachiale Rhetorik ist vor allem für die einfachen Russen gedacht, die in fernen Regionen den Zusammenbruch des Sowjetimperiums als Trauma empfunden haben und daher empfänglich sind für das neue alte Feindbild USA. Im mittleren Abteil ist beispielsweise der regierungstreue Auslandssender RT anzusiedeln, der die Positionen der russischen Regierung vor allem in den angelsächsischen Raum transportiert. Flotte Sprüche und die Dämonisierung des Westens gehören auch bei RT zum täglichen Brot, von den Hasspredigten, die russische Staatssender bis nach Wladiwostok übertragen, ist RT jedoch noch ein ganzes Stück entfernt.

Im ersten Abteil befinden sich Zeitungen wie Wedomosti und Nowaja Gazeta. Sie stehen in klarer Opposition zur Regierung, werden jedoch vor allem in liberalen Moskauer Kreisen gelesen und spielen deshalb landesweit so gut wie keine Rolle. Auch zahlreiche Internetportale existieren trotz ihrer kremlkritischen Ansichten. An der Fahrtrichtung des Zuges ändern sie nichts.