"Vaterlandsverräter", sagte die Tante zu Sebastian. Sie saßen am Esstisch, eine Familienfeier, gerade hatte der blonde Skandinavistik-Student mit der eckigen Brille von seinen Zukunftsplänen erzählt. Er wolle nach Dänemark gehen, wo seine Freundin schon lebte, sagte der 19-Jährige. Der erhoffte Zuspruch seiner Verwandten blieb aus. "Du wirst es dort so gut haben, dass du nie wieder in deine süße Heimat Ungarn zurückkehrst", sagte die Tante. Wenn sich Sebastian, Sohn eines Deutschen und einer Ungarin, daran zurückerinnert, beginnt er wild zu gestikulieren, seine Stimme wird energischer. "Was soll ich denn tun? In Ungarn fehlt die Perspektive."

Es ist ein Satz, den so oder ähnlich sehr viele junge Ungarn sagen. Sie sind frustriert und verärgert, so wie viele junge Menschen auf der ganzen Welt, aber so etwas wie ein "Occupy Budapest" oder ein "Ungarischer Frühling" ist weit und breit nicht in Sicht. Denn die Resignation der hiesigen Jugend, das Gefühl, sowieso nichts ändern zu können, geht tiefer. Ihre Ratlosigkeit ist so groß, dass ihr echter Protest nicht in den Sinn kommt.

Die Jobaussichten für junge Menschen in Ungarn sind schlecht, die Löhne niedrig, das Leben teuer. Knapp 30 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sind laut Eurostat ohne Job. In Deutschland sind es lediglich acht Prozent. Schuld an der Misere seien die vergangenen vier Jahre, sagt Sebastian, die Regierungszeit der nationalkonservativen Partei Fidesz unter Ministerpräsident Viktor Orbán. "Ungarn bewegt sich rückwärts", sagt Sebastian. Die Regierungspartei habe den Staat sukzessive umgebaut: Orbán schränkte unter anderem mit einem neuen Mediengesetz die Pressefreiheit ein, verstaatlichte die privaten Pensionskassen, entmachtete das Verfassungsgericht.

Am Sonntag sind wieder Parlamentswahlen in Ungarn, allen Umfragen zufolge wird Fidesz erneut haushoch mit Zweidrittelmehrheit siegen, und Sebastian darf zum ersten Mal über die Zukunft seines Landes mitentscheiden. Aber welche Partei er wählen wird, weiß er auch kurz vor der Wahl noch immer nicht. 

Die rechtsextreme Partei Jobbik ist vor allem unter Jugendlichen beliebt

Unter jungen Wählern liegt er damit im Trend, das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man sich in der Vorwahlzeit etwa an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Budapester Eötvös-Loránd-Universität umhört. Bei den beiden Spanisch-Studenten Blanka und Richard etwa, die an einem warmen Frühlingstag Ende März auf einer Holzbank am Campus im Zentrum der Hauptstadt sitzen. Auch sie sind noch völlig unentschlossen. Richard, 22, millimeterkurze Haare, knallblauer Kapuzenpullover mit Uni-Logo, bezeichnet sich selbst als "ein bisschen einen Nationalisten" und hat 2010 konsequenterweise die rechtsextreme, antisemitische und romafeindliche Partei Jobbik gewählt, die damals mit 17 Prozent der Stimmen erstmals ins Parlament einzog. Sie ist, unabhängig von der Bildungsschicht, besonders unter jungen Menschen beliebt, jeder dritte Student soll Jobbik wählen.

"Die Jungen haben die Schwierigkeiten der Eltern nach der Wende mitbekommen, deren Verunsicherung übernommen und ziehen jetzt radikale Schlussfolgerungen", sagt Osteuropa-Experte Dieter Segert von der Universität Wien.

Die geisteswissenschaftliche Fakultät steht beispielhaft für diese Tendenz, sie hat damit im vergangenen Jahr gleich zweimal unrühmliche internationale Schlagzeilen gemacht: Zuerst im Februar, als bekannt wurde, dass die dortige Hochschülerschaft jahrelang Listen von Studienanfängern geführt und um Kommentare wie "hat einen hässlichen Judenkopf" ergänzt hatte; dann im April, als an den Bürotüren mehrerer Professoren Sticker mit der Aufschrift "Juden, die Universität gehört uns, nicht euch" auftauchten. Eine der Betroffenen war die international bekannte Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller.

Der Spanisch-Student Richard ist enttäuscht von Jobbik, aber nicht etwa wegen der antisemitischen Ausfälle. "Ich habe ein paar Jobbik-Aktivisten in den Vorlesungen kennengelernt. Ich bezweifle, dass sie gute Politiker wären", sagt er. Am Sonntag wird er wohl zu Hause bleiben, denn mit den anderen Parteien – mit den Sozialisten, die Richards nostalgische Großeltern wählen, und mit Fidesz, der Partei seiner Eltern – kann er noch weniger anfangen: "Außer Jobbik gibt es für die Jungen nichts".

Echte Verbesserung traut die Jugend keiner Partei zu

"Vielleicht noch die Grünen?", wirft seine Studienkollegin Blanka ein. Kurz vor ihrer ersten Wahl ist auch die 19-Jährige mit dem rosa Kapuzenpulli und der riesigen Sonnenbrille noch unentschlossen, sie schwankt zwischen den Grünen und den Rechtsextremen. Die beiden Parteien haben nur eines gemein: Beide sind erst seit vier Jahren im Parlament, hatten noch nie Regierungsverantwortung und somit noch keine Chance, die Ungarn zu enttäuschen. Da ist es offenbar, was Blanka anspricht: Echte Verbesserungen für das Land traut sie sowieso keiner Partei zu.

So wie Blanka, Richard und Sebastian geht es vielen jungen Menschen in Ungarn. Die derzeitige Lage ihres Landes gefällt ihnen nicht, die Richtung, die es einschlägt, auch nicht. Aber sich politisch zu engagieren kommt ihnen ebensowenig in den Sinn wie aktiver Protest – "seit Orbán an der Macht ist, ist die Lage aussichtslos", formuliert es Sebastian. Stattdessen stimmen sie mit ihren Füßen ab. Nach ihrem Studium wollen alle drei ins Ausland gehen, wie auch die meisten ihrer Freunde und Kommilitonen.

Die Regierung versucht, das zu verhindern: Wer heute auf eine ungarische Uni will, muss sich verpflichten, nach dem Abschluss doppelt so lange im Land zu arbeiten, wie er studiert hat. Den Statistiken zufolge funktioniert das nur begrenzt. Alleine in Deutschland leben heute rund 54.500 Ungarn, die Zuwanderung stieg seit 2011 um 31 Prozent. Auch Sebastian wird sich von der Strategie der Regierung ebensowenig abhalten lassen wie vom Verräter-Vorwurf seiner Tante: Die Bewerbung für seine dänische Wunsch-Uni ist schon abgeschickt.