Als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyıp Erdoğan versuchte, Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu zu bringen, sich nicht den Behauptungen anzuschließen, es habe einen Völkermord an den Armeniern des Osmanischen Reichs im Jahre 1915 gegeben, riet sie ihm, sich mit der Geschichte seines Landes abzufinden.

Vergangene Woche, unmittelbar vor dem 99. Jahrestag des 24. April 1915, an dem die jungtürkische Regierung rund 600 führende armenische Politiker und Intellektuelle verhaften und aus Istanbul vertreiben ließ – von denen die meisten bald von Agenten ihrer eigenen Regierung ermordet werden sollten –, gab Erdoğan ein beispielloses Statement zu den Ereignisse dieses verhängnisvollen Jahres ab. Er sprach den Armeniern – ebenso wie den Muslimen – sein Beileid aus für die Verluste der traumatischen Jahre des Ersten Weltkriegs. Europa, die Vereinigten Staaten und die Armenier in der Türkei zeigten sich erfreut über diesen Schritt zu einer Versöhnung; viele Armenier in der Diaspora und die Regierung in Eriwan wiesen die Geste hingegen zurück, weil sie die Ereignisse von 1915 nicht als Genozid anerkennt und das Leid der Armenier mit dem der Muslime im Osmanischen Reich gleichsetzt.

Ein Jahr vor dem 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern hat die türkische Regierung damit einen kleinen, aber bedeutsamen Schritt getan. Die meisten Historiker, die 1915 schon lange als Genozid anerkennen, werden bedauern, dass er nicht mutiger und offener war. Millionen von Angehörigen des Osmanischen Reichs starben in den Konflikten des Großen Kriegs, aber ihre Erlebnisse unterschieden sich fundamental. Türken, Kurden und andere muslimische Männer und Frauen starben als Soldaten oder als Konsequenz der großen Zerrüttungen und Verwerfungen, die der Krieg über ihr Land brachte. Viele starben an Krankheit und Hunger als direkte Auswirkungen der gewaltsamen Vertreibung und dem Massenmord an ihren armenischen und assyrischen Nachbarn – erfolgreiche Farmer, Handwerker und Händler, deren Arbeit und Fleiß verloren waren, weil sie abgeschlachtet wurden oder in die Wüste von Syrien zogen.

Die christlichen Armenier und Assyrer wurden von der Regierung der Jungtürken bewusst als interne Feinde angegriffen. Aufgrund ihrer Ethnie und Religion wurden sie aus ihren Häusern vertrieben, ihr Besitz wurde beschlagnahmt, und Hunderttausende – manche Schätzungen sprechen von mehr als einer Million – wurden von den Osmanen getötet. Nach den meisten Definitionen gilt es als Völkermord, wenn eine Regierung ein ethnisch religiös oder kulturell definiertes Volk eliminieren möchte und vorsätzlich seine physische und kulturelle Vernichtung verursacht. Diese Tatsache weigert sich die aktuelle türkische Regierung anzuerkennen (ebenso wie die Vereinigten Staaten, Israel und weitere Länder).

Die türkische Gesellschaft ist ihrer eigenen Regierung voraus. Historiker, Soziologen, Anthropologen und andere Gelehrte haben 1915 bereits als Genozid verstanden. Türkische Journalisten und Studenten haben die Gräuel aufgezeigt, die das Ende des Osmanischen Reichs und die Gründung der Türkischen Republik begleiteten. Kurdische Bürger der Türkei, die Millionen Dissidentenstimmen vertreten, haben den Genozid, an dem ihre Vorväter teilhatten, längst anerkannt. Die progressiven türkischen Intellektuellen haben Konferenzen abgehalten, Bücher veröffentlicht, Artikel geschrieben und sind an die Öffentlichkeit gegangen, um die dunklen Seiten der türkischen Vergangenheit ans Licht zu holen.