Es ist eine Art jährliche Bescherung des Präsidenten für sein Volk: Wladimir Putin steht vier Stunden lang ausgewählten russischen Bürgern Rede und Antwort. Dieses Mal war vor allem Triumph angesagt, nachdem Russland, wie schon Grundschüler in Moskau ausrufen, "größer geworden ist". Die Krim gehört neuerdings dazu. Aber Putin musste auch zeigen, dass er trotz aller außenpolitischen Erfolge die Sorgen der Menschen noch versteht. So ging es zugleich um Obama, unasphaltierte Landstraßen und den ausbleibenden Krankenwagen im Dorf. Das ist nur folgerichtig, da Putin nach den Worten seines Pressesprechers nicht nur die Probleme Russlands, sondern gleich der globalen russischen Volksgemeinschaft schultern muss. Ein Mann für alles.

Die Fernsehsendung Direkter Draht passte sich ein in den Kampf um die Informationsoberhoheit, den Mitarbeiter des Staatssenders Rossija selbst als "Informationskrieg" bezeichnen. Fast eine Stunde lang dominierte die Krim Putins Auftritt. Die Regie des Fragemarathons platzierte hitzköpfige Fragesteller so, dass der Präsident als ausgleichender Staatsmann erschien. Ansonsten traten auf: Bürger, die "Danke!" riefen, Gleichdenkende, einige Alibi-Liberale und Journalisten als Stichwortgeber. Nachfragen sind unerwünscht, denn sonst könnte ja eine richtige Diskussion beginnen.

Viele Zuschauer erhofften sich Aufschluss darüber, wie Russlands Führung im Konflikt zwischen prorussischen Aktivisten und der Kiewer Regierung im Osten und Süden der Ukraine handeln werde. Was, fragen sich auch in Moskau politische Experten, mag in Putins Kopf vorgehen? Wo sieht er seine rote Linie, die er keinesfalls überschreiten wird?

"Kreml-Astrologie"

Schon kurz nach dem ersten Amtsantritt Putins, des bis dahin Unbekannten in der russischen Politik ("Who is Mr Putin?" lautete die Standardfrage), prägten Politologen das Wort von der neuen Kreml-Astrologie. Nun ersetzt die Putinologie das frühere Rätseln über das Denken innerhalb der Kremlzinnen: Wirkt der Präsident locker oder angespannt? Sieht er zufrieden aus?

Einer der führenden russischen Moderatoren des Staatsfernsehkanals Rossija, Andrej Kondraschow, beobachtet Putin schon seit mehr als einem Jahrzehnt aus der Nähe. Der Präsident, resümiert er, sei weiser und ruhiger, aber zugleich undurchschaubarer geworden. "Heute ist er mehr Geheimagent", sagt Kondraschow, "als er es zu Beginn seiner Karriere als Ex-Geheimdienstler war. Kein Politologe kann sich mehr rühmen, Putins Handeln vorherzusagen." Da klingt Stolz mit. Denn viele in Russland sehen gerade in Putins Unberechenbarkeit seinen Trumpf. Dass der große Vertrauensverlust vor allem im Westen Russland langfristig schaden könnte, spielt in der Krim-Euphorie momentan keine Rolle.

Russlands Präsident hielt sich heute alle Optionen offen. Seine rote Linie bleibt vorerst unsichtbar. Er betonte erneut das Recht Russlands, seine Landsleute in der Ukraine auch mithilfe der Armee zu schützen. Das klang bedrohlich. Andererseits plädierte er für eine Gesprächslösung, nachdem sich Russland zögerlich bereit erklärt hatte, an der heutigen Konferenz mit den Vertretern der USA, der Europäischen Union und der ukrainischen Regierung in Genf teilzunehmen. Das klang nach einem positiven Zeichen. Erstmals nach knapp einem Monat sprachen die Außenminister Russlands und der Ukraine wieder miteinander. Große Erwartungen an eine diplomatische Lösung gab es aber nicht.