Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau © IntelCenter/Handout/Reuters

Die Entführung Hunderter Schulmädchen hat der nigerianischen Terrorsekte Boko Haram die entrüstete Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit verschafft. Die Tat steht für die völlige Radikalisierung der Gruppe, zumindest jener Teile, die dem fanatischen Anführer Abubakar Shekau in seinem Feldzug für den Islam folgen, wie er ihn versteht – sie überziehen das Land seit Jahren mit Gewalt, inzwischen immer wahlloser. 

Seine Mission habe er direkt von Allah aufgetragen bekommen, behauptet Shekau. Die wirren Videobotschaften wecken zumindest das Gefühl, seine Wut komme nicht von dieser Welt: Stimme und Körper kann er kaum im Zaum halten, gedanklich überschlägt er sich.

Der Eindruck, es müsse ein Haufen erbärmlicher Verrückter sein, die auf diesen Mann hören, ist dabei ein gefährlicher Trugschluss. Die Gruppe ist gut organisiert und verfügt offenbar auch über erhebliche finanzielle Mittel. Seit Boko Haram durch die Offensive des nigerianischen Militärs hohe Verluste verschmerzen musste und in den Untergrund gedrängt wurde, ist zwar wenig bekannt über die Anzahl der Kämpfer, ihre Zusammensetzung und ihre Strukturen. Aber ihre Taten wären nicht möglich ohne clevere Planung, moderne Ausrüstung, Kontakte und Unterstützer, wohl selbst in politischen und Militärkreisen. Nicht nur in Nigeria

Mit der Eskalation des Terrors in den vergangenen Jahren ist das besonders deutlich geworden. Waren es vor wenigen Jahren noch vor allem bewaffnete Attacken, bei denen die Angreifer mit ein paar alten Kalaschnikows daherkamen, zeichnen etwa die Bombenattentate in der Hauptstadt ein anderes Bild, ebenso kamen militärische Fahrzeuge, Raketen- und Granatwerfer zum Einsatz. Nicht dass Waffen solcher Art schwer zu bekommen wären, man denke nur an das Chaos in Libyen, von wo aus schon vieles etwa in Mali wieder aufgetaucht ist, was in Gaddafis Arsenalen lag.

Waffen, Drogen, Menschen

Gleichzeitig hatte Boko Haram zumindest bis zum vergangenen Jahr Teile des Nordostens unter ihrer Kontrolle, der nigerianische Staat war dort als Macht völlig verschwunden. Von den Gouverneuren mancher Bundesstaaten soll die Terrorgruppe entweder Schutzgeld eingetrieben oder die regionalen Regierungen sogar so weit in der Hand gehabt haben, dass sie selbst Steuern erhob.

Eine weitere Geldquelle dürften Kontakte zu Al-Kaida, deren nordafrikanischem Ableger Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi), der somalischen al-Schabab und weiteren Gruppen wie Ansar Dine oder Mujao sein – die sich nicht nur dem Terror verschrieben haben, sondern auch kriminelle Netzwerke pflegen, in Waffen-, Drogen- und Menschenschmuggel verstrickt sind.

Wie viel beispielsweise von den drei Millionen Dollar, die Osama bin Laden 2002 angeblich für gleichgesinnte Organisationen in Afrika verteilen ließ, bei Boko Haram angekommen sind, ist fraglich. Ebenso, wie viel aus welcher Verbindung heute noch in ihre Taschen fließt und wie viele Anhänger etwa in Somalia, in Libyen noch unter Gaddafi, in Afghanistan oder anderen Ländern trainiert wurden. Ein Motiv für andere Gruppen, den nigerianischen Terror zu unterstützen: Sie haben ein Interesse daran, sich sichere Rückzugs- oder Fluchtorte zu schaffen. Darüber hinaus soll Boko Haram Geld von der in London sitzenden Hilfsorganisation Al-Muntada Trust Fund oder der saudi-arabischen Islamic World Society erhalten haben.