Es gab in Erdoğans Kölner Rede zwischen all dem völkischen Pathos und der Wut nur wenige nüchterne Momente: immer dann, wenn Erdoğan über Deutschland sprach. Seine Stimme wurde geschäftsmäßig und die sonst so ekstatisch jubelnde Halle ruhig. Erdoğan wollte die Gefühle der 18.000 für sich, allen Stolz und alle Wut und alle Liebe. Und seine Anhänger gaben sie ihm. Für Deutschland blieb nicht mehr übrig als ein Schulterzucken. Lernt die Sprache, studiert, habt Erfolg und lasst euch nicht unterkriegen, wies Erdoğan sein Publikum an. Aber im Herzen bleibt bei mir, bleibt Türken.

Eine solche Teilung kann nicht funktionieren. Zum Bürgersein gehört mehr, als sich zurechtzufinden. Es gehört auch eine innere Beteiligung dazu. Man muss das nicht gleich Patriotismus nennen oder gar Liebe. Deutschland kommt aus guten Gründen seit Jahrzehnten sehr gut damit zurecht, ein nur sehr leises und zurückhaltendes Nationalgefühl zu haben.

Der Deutsch-Iraner Navid Kermani hat in seiner Grundgesetz-Rede am Freitag im Bundestag von "leisem Stolz" gesprochen. Viele Menschen, die nicht nur Deutsche sind, aber eben auch, empfinden ihn längst, diesen leisen Stolz. Und sie zeigen ihn auch. Er bedeutet nicht, dass die "Neu-Deutschen" dann nicht mehr wütend sein dürfen und verletzt, wegen der NSU-Morde und all den Ungeheuerlichkeiten, die da geschehen sind. Wegen des Alltagsrassismus, der Behördenschikanen, der Visa-Regelungen. Übrigens teilen viele "Alt-Deutsche", wie Bundespräsident Gauck sie nennt, diese Wut, auch wenn sie weniger direkt betroffen sind.

Darum geht es: um Gemeinsamkeit. Ein bisschen mehr als eine nüchterne Zugewinngemeinschaft sollte das erfolgreiche Einwanderungsland Deutschland schon sein.

400.000 Arbeitsplätze hätten Türken hier geschaffen, lobte Erdoğan zu Recht, 35 Milliarden Euro Umsatz machten sie. Es ist eine positive Bilanz, aber es bleibt nüchterne Rechnerei. Zwischen all den Sätzen über die Sehnsucht des türkischen Volkes nach Einheit, über die "anatolische Stimme" und eine Nation, die sich niemals beugen werde, nach all den türkischen Pathos-Sätzen, hätte sich Erdoğan auch einen warmen Satz zu Deutschland erlauben können, um seinen Anhängern mit ihrem doppelten Leben zu helfen: Ihr könnt auch Deutschland dankbar sein für das, was es euch ermöglicht hat. 

Das wäre so ein Satz gewesen, der die Herzen vielleicht ein wenig mehr geöffnet hätte, anstatt sie ganz mitzunehmen in die Türkei. In großen Herzen sollte Platz sein für mehr als ein Land.