Recep Tayyip Erdoğan (Archiv) © Umit Bektas/Reuters

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat wegen Kritik an seinem Regierungsstil eine live im Fernsehen übertragene Veranstaltung verlassen. Dort hatte ihm der Präsident der türkischen Anwaltskammer TBB, Metin Feyzioglu, in seiner Rede Autoritarismus und einen zunehmend selbstherrlichen Regierungsstil vorgeworfen. Erdoğan erhob sich während des Vortrags plötzlich von seinem Platz in der ersten Reihe und sagte laut: "Du bist unverschämt. Du lässt es an Respekt mangeln. Dies ist eine völlig politische Rede voller Lügen." Darauf verließ er mit seinem Gefolge den Saal.

Feyzioglu nahm Erdoğans Vorwürfe ungerührt hin und sagte anschließend unter dem Applaus von Teilen des Publikums, er habe eine konstruktive und verfassungsmäßige Rede gehalten, die keineswegs anstößig gewesen sei. Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine Zeremonie zum Jahrestag der Gründung des Verfassungsrats. Staatspräsident Abdullah Gül, der ebenfalls teilnahm, drückte sein Erstaunen über Erdoğans Wutausbruch aus.

Zu einer ähnlichen Szene wie dieser war es erst Ende April gekommen: Damals hatte der oberste Richter der Türkei Erdoğan in einer Rede angegriffen, während dieser im Publikum saß. Erdoğan verließ die Veranstaltung direkt nach dem Vortrag.

Feyzioglu ist ein Rechtsprofessor, der für seine Kritik an Erdoğans islamisch-konservativer Regierung bekannt ist. Diese steht seit Monaten wegen Korruptionsaffären unter Druck. Wie andere Kritiker wirft Feyzioglu dem Ministerpräsidenten die Unterdrückung abweichender Meinungen vor. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hatte Erdoğan bei seinem Besuch in der Türkei kritisiert und vor Gefahren für die Demokratie durch Einschränkungen von Meinungs- und Pressefreiheit gewarnt.