In der Ukraine wird ein neuer Präsident gewählt. In zehn deutschen Bundesländern finden Kommunalwahlen statt. Und in den 28 EU-Staaten können die Bürger bis dahin ihre Europaabgeordneten wählen. 

Die Wähler in der Ukraine entscheiden, während es darum geht, ob das Land zusammenhält und ein Bürgerkrieg vermieden wird. Die Kommunalwahlen, ob in den jeweiligen Gemeinden Straßen, Schwimmbäder und Theater gebaut werden oder nicht. Aber was entscheiden wir bei der Europawahl, wenn wir überhaupt unsere Stimme abgeben?

Überhaupt: Was ist denn dieses Europa, zu dessen Wahl wir aufgerufen sind? Die Meinungen darüber gehen heute so weit auseinander wie wohl noch nie. Für Kritiker ist die EU ein bürokratisches, zentralistisches Elite-Gebilde, das beständig in ihr Leben eingreift und zuallererst den Banken und großen Unternehmen, nicht aber den einfachen Bürgern zugutekommt. Aus der Sicht ihrer Gegner ist die EU gar eine große Gefahr, weil sie die Nationalstaaten zunehmend infrage stelle. Für ihre Verteidiger und Befürworter hingegen ist die europäische Einigung ein Glücksfall der Geschichte und deshalb der Weg, auf dem es weiter voranzuschreiten gilt.

Europa ist Alltag

Einer großen Zahl von Menschen allerdings dürfte Europa ziemlich gleichgültig sein, wie sich wohl wieder in einer niedrigen Wahlbeteiligung zeigen wird. Das muss nicht das Schlimmste sein. Denn hoch aufgeladen ist die politische Stimmung immer dann, wie derzeit in der Ukraine, wenn eine Katastrophe droht.

Die EU jedoch hat die tiefe Finanz-, Schulden- und Wirtschaftskrise – entgegen allen Unkenrufen – alles in allem recht gut überstanden, selbst wenn sich die Situation der Menschen in den Krisenländern deutlich verschlechtert hat und die reicheren Länder hohe Bürgschaften übernehmen mussten. Das lag aber weniger an der EU als an Strukturproblemen, die die Schuldenstaaten selbst verursacht hatten.

Auch die Ukraine-Krise bedroht bislang nicht den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Sie stellt sie vor eine große Herausforderung, doch sie stärkt sie zugleich.

Für die meisten Menschen jedoch gehört Europa einfach zum Alltag. In der Regel merken sie das nicht einmal. Sie kaufen Produkte aus anderen EU-Staaten ohne Zölle und mit gleichen oder ähnlichen Normen und Standards wie bei einheimischen Waren. Sie reisen ohne Passkontrollen quer durch den Kontinent, ohne Geld zu tauschen. Sie studieren oder arbeiten in einem anderen EU-Staat, und sie profitieren von den großen wirtschaftlichen Vorteilen des Binnenmarkts. Dennoch ärgern sie sich gelegentlich über Europa.

Europa rückt enger zusammen

Die Eurokrise hat das Bewusstsein, in einem gemeinsamen Europa zu leben, erheblich gestärkt. Wir beschäftigen uns heute intensiv mit den innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen in Griechenland, Frankreich oder Spanien. Wir regen uns darüber auf, wenn sich in Ungarn ein autoritärer Ministerpräsident über europäische Rechtsstaatsnormen hinwegsetzt und dennoch wiedergewählt wird.

Und wir diskutieren lebhaft darüber, ob die EU ein Freihandelsabkommen mit den USA abschließen soll und wie wir Europäer unsere Daten vor amerikanischer Überwachung schützen können. Genauso wie darüber, ob sich Europa weiter gegen Flüchtlinge und Schutzsuchende abschotten darf.

Denn ob man Europa mag oder nicht: Gleichgültig lässt es kaum einen mehr. Das zeigt, dass es lebt.

Europa ist Vielfalt

Trotz Tausender Richtlinien und aller dicken Verträge und Vereinbarungen, welche die Lenker und Verwalter der EU über die Jahrzehnte be- und geschlossen haben, pflegen die mittlerweile 28 Mitgliedsländer ihre unterschiedlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kulturen. Deshalb sind sie sich häufig auch uneins, in welche Richtung sich Europa weiterentwickeln soll.

Einige Länder, allen voran Großbritannien, betrachten die EU vor allem als Freihandelszone. Eingriffe in weitere nationale Belange lehnen sie ab, sie wollen vielmehr Kompetenzen von Brüssel in die Nationalstaaten zurückverlagern.

Andere, namentlich die deutsche Regierung, aber auch Frankreich und Staaten im Osten, genauso wie die meisten Europapolitiker in Brüssel, möchten den Weg in Richtung gemeinsames Europa fortsetzen. Diese Vielfalt und Widersprüchlichkeit macht es oft schwer. Aber sie ist die Stärke und das Besondere dieses Europa.