Die Einigung kam überraschend früh: Um fünf Uhr Freitagnachmittag, kubanische Zeit, luden in Havanna die Unterhändler der Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung zur Pressekonferenz. Sie hatten in einer besonders heiklen Frage der Friedensgespräche eine Übereinkunft erzielt: Wie will man in Zukunft den Drogenhandel in den Griff bekommen?

Schon einmal waren die Verhandlungen vertagt worden, weil Regierung und Farc sich mit dem Thema so schwer taten. Der zweite Anlauf sollte eigentlich am 22. Mai abgeschlossen werden. Dass es jetzt doch schneller ging, hat vermutlich mit den nahenden Präsidentschaftswahlen zu tun.

Havanna ist mehr als 2.000 Kilometer von der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá entfernt, aber was dort verhandelt wird, entscheidet über die Zukunft des Landes. Nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg scheint ein Friedensvertrag so nah wie nie zuvor, und viele Kolumbianer glauben an diese historische Chance. Aber es sind komplizierte Gespräche. Anderthalb Jahre dauern die Verhandlungen schon, und von fünf Streitpunkten wurden erst drei abgehakt: die Grundzüge einer Agrarreform, die politischen Partizipationsrechte der Guerilla als künftig legale politische Opposition – und jetzt die Maßnahmen gegen Drogenanbau und -handel. 

Das Problem dabei: Es geht um ein Megageschäft, auf dessen Gewinne niemand so leicht verzichten will. Kolumbien war lange der größte Kokainproduzent der Welt, und vielleicht ist es das immer noch. Im vergangenen Jahr wurden hier 309 Tonnen der Droge hergestellt, bei einem Weltmarkt von etwa 800 Tonnen, der jedes Jahr geschätzt mehr als 80 Milliarden Dollar bewegt.

Und die bewaffneten Gruppen des kolumbianischen Krieges, die von sich selbst sagen, sie kämpften aus politischen Gründen, stecken mittendrin im Drogenschmuggel.

Verlässliche Statistiken über ihre Profite sind zwar nicht zu bekommen, das liegt in der Natur der illegalen Branche. Und gerade jetzt im Wahlkampf wird das Thema gerne politisch instrumentalisiert. Aber es gibt ein paar Wissenschaftler, die zur Drogenökonomie forschen. Einer der profiliertesten ist Daniel Mejía, Direktor des Zentrums für Sicherheit und Drogen an der Universität de Los Andes in Bogotá. 

Drogen bringen zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Mejía schätzt, dass der Drogenhandel der kolumbianischen Wirtschaft jährlich 7,8 Milliarden Dollar an Einnahmen bringt, das sind etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mehr als die Hälfte davon gehe an Guerillaverbände der Farc, vor allem in den Regionen Putumayo, Nariño und Caquetá im Süden und Osten des Landes. Es sind die Gebiete, in denen auch besonders viel Koka wächst – und in denen die Mordrate teilweise deutlich höher ist als in den anderen Regionen des Lands.

Den Rest des Drogenumsatzes, etwa 40 Prozent, stecken Mejía zufolge kriminelle Drogengangs ein, die aus den offiziell demobilisierten Verbänden der Paramilitärs hervorgegangen sind, und simple Schmugglergangs ohne ideologischen Unterbau. Auch die Paramilitärs waren im Kokaingeschäft keine Waisenknaben. Manche wurden eigens zum Schutz der Mafiabosse gegründet. Als sie sich auflösten, wollten einige ihrer Mitglieder nicht vom lukrativen Drogengeschäft lassen, und schlossen sich zu neuen Banden zusammen. Sie terrorisieren jetzt die Bevölkerung in Anbau- und Schmuggelgebieten, die nicht zum Reich der Farc gehören.

In den Friedensverhandlungen aber geht es derzeit nur um die Guerilla. "Die Farc kontrollieren den größten Teil des Kokainschmuggels", sagt Mejía. "Er ist ihre Haupteinnahmequelle."