Es war warm und windstill, als Shady ins Land seiner Träume aufbrach. Wenige Stunden, bevor das alte Fischerboot ablegte, riefen sie ihn an. Er solle bei Anbruch der Dunkelheit zum Hafen kommen. Wasser und Essen müsse er selbst mitbringen. Als Shady an den Strand von Abukir, nahe Alexandria, kam, warteten 184 Menschen auf die Abfahrt, die meisten von ihnen Syrer. "Alles wird gut gehen", beruhigte Shady seine Frau Maha am Telefon. Er habe doch 3.000 Dollar für das Ticket bezahlt. Es müsse einfach klappen.

Zwei Wochen ist das Gespräch her. Seitdem hat Shady ein paar SMS geschickt. Mitten auf der See sei der Motor ausgefallen, schrieb er zuletzt. 20 Stunden seien sie umhergetrieben, bis zufällig ein griechischer Öltanker vorbeifuhr und die Flüchtlinge aufnahm. Seither hat Maha, Mitte zwanzig, blaues Kopftuch, nichts mehr von ihm gehört. "Im Frühjahr ist das Meer glatt. Wir dachten, jetzt ist es wahrscheinlicher, Europa lebend zu erreichen", sagt Maha leise. Anfangs hatte Shady die Familie gedrängt, ihn zu begleiten. "Wir werden zusammen leben oder zusammen sterben", hatte Shady zu Maha gesagt. Doch Maha fürchtet das Wasser, sie hat nie schwimmen gelernt. Deshalb will Shady die Familie nach Europa nachholen. Wenn er dort ankommt. 

Wie Shady wagen immer mehr Syrer die gefährliche Überfahrt von Ägypten aus über das Mittelmeer nach Italien, begleitet von der Angst vor dem Ertrinken, vor Verhaftung und Abschiebung. Die Zahl derjenigen, die das Land illegal per Boot verlassen wollen, sei dramatisch gestiegen, schreibt das UN-Flüchtlingswerk UNHCR in einem Bericht. Denn für die Flüchtlinge wird es immer schwieriger, in Ägypten zu überleben. "Die Hilfsorganisationen können den Bedarf an Essen und Kleidung mitnichten decken", sagt Rassem al-Atassi, der in Kairo die Arabische Gesellschaft für Menschenrechte in Syrien (AOHR) leitet. Bei vielen Syrern sei das Geld, das sie gespart oder von Verwandten geliehen hatten, nach drei Jahren Bürgerkrieg aufgebraucht.

Little Damaskus nennen sie das Viertel

"Ohne Spenden könnten viele nicht überleben", sagt Maha. Sie hockt auf der Matratze auf dem Boden ihrer Wohnung in einer der Satellitenstädte Kairos, dort, wo der Sand aus der Wüste die leeren Straßen bedeckt und die Mieten noch günstig sind, weil hier sonst niemand lebt. Little Damaskus nennen sie das Viertel, weil hier so viele Syrer leben wie kaum irgendwo sonst in Ägypten.

Vor zwei Jahren sind Maha und Shady mit den zwei kleinen Söhnen und Mahas Bruder Hassan aus dem Damaszener Vorort Daraya geflohen, kurz bevor eine Armeeoffensive Hunderte Todesopfer forderte. Anfangs lebten sie in Masaken Osman, eine der ärmsten Gegenden im Großraum Kairo, ein Ghetto, von der Mafia beherrscht. In ihrem neuen Viertel, sagt Maha, könnten die Kinder wenigstens draußen spielen. Doch auch hier fehle es an allem: Geld, Arbeit, Essen. In der kahlen Wohnung liegen ein paar Matten auf den Fliesen, Tücher verdecken die Fenster, von der Decke hängen nackte Glühbirnen. In Syrien habe Shady als Computerspezialist gut verdient. "In Ägypten gehören wir zu den Ärmsten."

Die Verfolgung der Syrer

Laut UNHCR sind inzwischen mehr als 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge außerhalb Syriens auf der Flucht. Die meisten leben in den Nachbarländern Jordanien und Türkei, allein der Libanon beherbergt mehr als eine Million Syrer. In Ägypten sind knapp 136.000 Syrer registriert, die Dunkelziffer ist deutlich höher. Dennoch hat sich vor ein paar Monaten etwas verändert: Am 8. Juli 2013, kurz nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi durch das Militär, wurde innerhalb eines Tages eine Visa-Pflicht für Syrer eingeführt. Zuvor brauchten Syrer wegen der historisch engen Verbindung zu Ägypten keine Einreiseerlaubnis.

Seit dem Sommer nun wurde Hunderten wegen fehlender Papiere die Einreise verwehrt. Viele fristen ein Schattendasein in der Illegalität. Und: Kamen viele Syrer einst wegen der guten Lebensbedingungen nach Ägypten – unter Mursi hatten sie etwa kostenlosen Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung – änderte sich die Stimmung mit dem Machtwechsel schlagartig. Denn mit der staatlich verordneten Verfolgung der Islamisten begann auch die Verfolgung der Syrer. "Die Flüchtlinge wurden beschuldigt, Mursi zu unterstützen und Mitglieder der Muslimbruderschaft zu sein, nur, weil ein paar von ihnen an Protesten teilgenommen hatten", sagt der Menschenrechtler Rassem al-Atassi. "Die Medien haben den Hass gegen die Syrer enorm geschürt." Auch wenn die Hysterie etwas nachgelassen habe, sei das Miteinander noch immer von Misstrauen geprägt. Einen Job zu finden, sei für die Syrer fast unmöglich, sagt al-Atassi. Beschimpfungen auf der Straße gehörten zum Alltag.