ZEIT ONLINE: Herr Gysi,  Sie haben gerade in Moskau den russischen Vize-Außenminister Rjabkow getroffen, was haben Sie im Gespräch mit ihm erreicht?

Gregor Gysi: Er hat mir gesagt, dass Russland keine Spaltung der Ukraine will. Schon deshalb, weil es dann ähnliche Tendenzen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken geben könnte. Außerdem begrüßt er den Plan der OSZE, Runde Tische in der Ukraine zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Leiten soll diese Runden Tische Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchener Sicherheitskonferenz. Ist das der richtige Mann?

Gysi: Das werden wir sehen. Er muss versuchen, möglichst neutral zu bleiben, sonst hat er keine Chance. Ein Europäer wird im Zweifelsfall immer einer der beiden Seiten zu parteiisch sein. Deshalb habe ich ja Kofi Annan vorgeschlagen, der ist nicht so verbraucht.

Das Problem ist das gegenseitige Misstrauen. Putin hatte vorgeschlagen, die Unabhängigkeits-Abstimmungen in der Ostukraine zu verschieben. Alle westlichen Regierungen dachten: Das sagt er nur und in Wirklichkeit ordnet er das Gegenteil an. Die Russen behaupten aber, sie hätten das ernst gemeint, und das kann ja auch sein. Deshalb sage ich: Wir brauchen wieder ein Vertrauensverhältnis, und dazu müssen sich beide Seiten bewegen. Wenn man beispielsweise die Entwaffnung der prorussischen Kräfte im Osten will, muss man auch den Rechten Sektor entwaffnen und die ukrainische Armee muss sich zurückziehen. So lange die Armee schießt, werden die anderen sich doch nicht entwaffnen lassen.

ZEIT ONLINE: Wie soll eine Regierung, die ja auch das staatliche Gewaltmonopol schützen muss, mit Leuten umgehen, die mit Gewalt einen Teil ihres Territoriums erobern wollen? Sich zurückziehen?

Gysi: Auch die Kanzlerin sagt inzwischen, dass der Konflikt nicht militärisch gelöst werden kann. Deshalb muss man Gespräche führen und eine Einigung finden, meinetwegen auch zwischen diesen selbsternannten Bürgermeistern und der Regierung. Es gibt immer ein paar, die nicht mitziehen. Aber da hilft dann die Polizei, da kann man Wege finden. Wichtig ist, dass sich die Mehrheit auf einen gemeinsamen Weg verständigt, damit die Radikalen nicht an Einfluss gewinnen. Dafür müssen wir jetzt deeskalieren. Ich fand es auch falsch, gestern neue Sanktionen zu beschließen. Stattdessen brauchen wir enge Verflechtungen, nur solche machen Krieg unmöglich.

ZEIT ONLINE: Aber diese Verflechtungen gibt es doch: Sie reisen nach Moskau und feiern das als Diplomatie-Offensive, aber Außenminister Steinmeier und seine Kollegen machen seit Wochen nichts anderes als Diplomatie.

Gysi: Ja sie machen einerseits Diplomatie und andererseits schicken sie Nato-Soldaten bis an die Grenze Russlands, beschließen Sanktionen und sagen, das sei nur eine Reaktion auf Russland.

ZEIT ONLINE: Sie sagen doch selbst, dass Russland mit der Annexion der Krim das Völkerrecht gebrochen hat. Soll das etwa folgenlos bleiben?

Gysi: Doch, darauf muss es eine Reaktion geben. Wir müssen Verhandlungen mit dem Ziel führen, dass  sich so etwas wie auf der Krim niemals und nirgendwo wiederholen darf. Aber...

ZEIT ONLINE: ...warum soll man das noch verhandeln? Das verbietet doch schon das Völkerrecht.