Gemälde des Wahlsiegers Narendra Modi vor dem Hauptquartier der indischen Volkspartei BJP © Kevin Frayer/Getty Images

Nicht jede Wahl verändert ein Land, diese Wahl in Indien wird es tun. Sie bedeutet einen tiefen politischen Einschnitt – und vielleicht mehr als das: eine soziale und kulturelle Umwälzung, deren Konsequenzen noch nicht abzuschätzen sind.

Ein Mann, der vor einem Jahrzehnt noch als radikaler Außenseiter galt, wird nicht nur der nächste Premierminister der größten Demokratie der Welt sein. Dieser Narendra Modi hat offenbar einen Erdrutschsieg errungen, der ihn von lästigen Koalitionspartnern unabhängig macht und ihm gewaltige Machtfülle verleiht. Die Kongresspartei, die Indien in der meisten Zeit seiner unabhängigen Existenz seit 1947 regiert hat, ist nicht bloß geschlagen, sie ist gedemütigt, ein Schatten ihrer selbst. Die Gandhi-Familie, die den Kongress seit Jahrzehnten mit fast monarchischer Souveränität führt, steht vor den Trümmern ihrer dynastischen Herrschaft; womöglich hat sie ihre historische Rolle ausgespielt.

Modi und seine Rechtspartei BJP (Indische Volkspartei) haben die Wahl auf einer Welle von Zorn, Hoffnung und Geld gewonnen. Der Zorn galt der Wachstumsschwäche, der Preissteigerung und den Korruptionsskandalen in den vergangenen Jahren der Kongressregierung. Die Hoffnung richtet sich auf einen ökonomischen Aufschwung unter starker politischer Führung, der den Armen auf dem Land endlich anständige Straßen und eine sichere Elektrizitätsversorgung, den jungen Leuten in der Stadt Jobs in expandierenden Zukunftsbranchen verschaffen soll. Das Geld schließlich war in einer Wahlkampagne zu ahnen, die das Land auf allen Ebenen, von Social Media bis zu ganzseitigen Zeitungsanzeigen ohne Ende, mit der Modi-Botschaft überflutete. Die indische Wirtschaft hat nicht nur in nie dagewesener Einmütigkeit und Intensität auf einen Sieg des BJP-Kandidaten gehofft, sie dürfte auch kräftig darin investiert haben. Erwartet wird, dass die neue Regierung rasch große Infrastrukturprojekte startet und das allgemeine Geschäftsklima sich aufheitert; die Börse im indischen Finanzzentrum Mumbai ist schon seit Tagen in Partystimmung.

Moderner Pragmatismus und dunkle Ressentiments

Modi hat mit seinen Erfolgen als Chief Minister (Ministerpräsident) des Bundesstaats Gujarat für sich geworben, und dass dieses Argument offenbar gewirkt hat, zeigt etwas vom gesellschaftlichen Wandel in Indien: Man will keine Almosen mehr, wie sie die Sozialpolitik der Kongresspartei meist versprach, sondern endlich einen funktionierenden Staat und dauerhafte Entwicklung.

Es lässt sich allerdings schwer entscheiden, wie viel von Modis Sieg wirklich aufs Konto seines modernen Pragmatismus geht ­ und wie viel er seiner anderen, dunkleren Seite zu verdanken hat. Unter ihm hat Gujarat nicht nur den Bau von Häfen, Kraftwerken, Raffinerien und Fabriken erlebt, sondern, zu Beginn seiner Amtszeit, auch einen Pogrom, in dem Hunderte Muslime von hinduistischen Mobs ermordet wurden.

Narendra Modi stammt aus einer politisch-kulturellen Tradition, die Indiens religiöse Minderheiten bestenfalls duldet, aber nicht wirklich als gleichwertig akzeptiert. Selbst in diesem Wahlkampf, der einen staatsmännischen Entwicklungs-Modi propagieren sollte, kam mehrfach ein giftiger Ressentiment-Modi zu Vorschein, der gegen illegale muslimische Einwanderer aus Bangladesch hetzte oder die regierende Kongresspartei in die Nähe der islamischen Fremdherrscher rückte, die Indien jahrhundertelang unterworfen hielten. Die meisten Inder scheinen Modi seine aggressiven, polarisierenden Züge verziehen zu haben. Und niemand kann sagen, wie viele sich gerade davon angezogen fühlen.