"Nationale Armee Libyens" – so nennt der abtrünnige General Chalifa Haftar seine schwer bewaffnete Miliz. Das verdeutlicht seinen Anspruch, in dem arabischen Land zu einem gewichtigen Machtfaktor zu werden. Er kämpft inzwischen mit aller Gewalt gegen die Regierung in Tripolis, die nach seiner Auffassung von islamistischen Gruppen dominiert ist.

Seinen Machtanspruch zeigte Haftar mehrfach in den letzten Wochen und Monaten. Im Februar war er offenbar der Anführer eines Putschversuches: Ein Sprecher des Militärs erklärte im Fernsehen, Haftar sei der neuer Armeechef und die libysche Regierung sei abgesetzt. Die TV-Botschaft zeigte allerdings keine Wirkung, Libyens Führung nannte den Putschversuch damals "lächerlich".

Anschließend verlagerte Haftar seinen Kampf nach Bengasi, also die Stadt, in der 2011 der Aufstand gegen Gaddafi begonnen hatte. Dort startete er mit seinen Kämpfern eine Offensive gegen zwei islamistische Milizen. Teile der regulären Armee, auch der Luftwaffe, unterstützen den Kampf. Allein am vergangenen Freitag kamen 70 Menschen ums Leben. Die Regierung erklärte, Haftar und seine Unterstützer agierten "abseits staatlicher Legitimation" und versuchten einen "Staatsstreich".

Mit diesem Vorwurf sollte die Regierung recht behalten, denn am Sonntagabend griff die Haftar-Miliz das Parlament in Tripolis an. Dabei starben mindestens zwei Menschen, die Kämpfer nahmen zehn Geiseln. Ein Sprecher der Miliz erklärte die "Suspendierung" des Parlaments.

Was sind die Motive des ehemaligen Generals? Kurz nach dem Putschversuch im Februar gab Haftar gegenüber der Cairo Post vor, auf Seiten der "Menschen auf der Straße" zu sein. Die Regierung sei mittlerweile dominiert von islamistischen Gruppen. Das Militär sei zersplittert, und auch größtenteils unter der Kontrolle von Dschihadisten.

Offenbar versteht sich Haftar als derjenige, der die antiislamistischen Kräfte im Militär und im Volk bündeln kann. Er ist vor allem mit alten Armeeangehörigen sehr gut vernetzt.

Der Verrat Gaddafis

Die Vorgeschichte von Haftar ist nebulös: Mitte der 1980er Jahre leitete der damalige Oberst eine libysche Offensive gegen das Nachbarland Tschad. Sie scheiterte, er wurde zusammen mit 300 Kämpfern gefangen genommen. Anschließend verleugnete Gaddafi, etwas mit dem Angriff zu tun zu haben. So kam es zum Bruch zwischen dem Machthaber Libyens und Haftar.

Mit Unterstützung des US-Geheimdienstes CIA baute Haftar anschließend eine Anti-Gaddafi-Truppe auf. Sie war zunächst im Tschad und später in Zaïre, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, stationiert. Schon damals hieß die Rebellengruppe "Nationale Armee Libyens" – so wie die Miliz, die derzeit in Libyen kämpft.  

In der Nachbarschaft von Langley

In den 1990er Jahren setzte sich Haftar zusammen mit einigen Mitstreitern in die USA ab. Sein Wohnort nähert den Verdacht, dass er weiterhin mit dem US-Auslandsgeheimdienst eng verbunden war: Er lebte im US-Staat Virginia, nicht weit entfernt vom CIA-Hauptquartier in Langley.     

Als im Februar 2011 der Aufstand gegen Gaddafi begann, kehrte Haftar nach Libyen zurück und kämpfte auf Seiten der Rebellen. Nach dem Sturz des Regimes bekam er zunächst die Aufgabe, die libysche Armee neu aufzubauen – doch der Posten wurde ihm von der zerstrittenen damaligen Übergangsregierung schnell wieder entzogen.

Die heutige Regierung sieht in Haftar inzwischen eine große Gefahr. Sie drohte allen Soldaten: Wer sich an den Aktivitäten des ehemaligen Generals beteilige, werde strafrechtlich verfolgt. Die Bevölkerung rief sie zum Widerstand gegen Haftar auf.

Gleich nach seiner Rückkehr nach Libyen 2011 wurde diskutiert, ob Haftar weiterhin Beziehungen zur CIA unterhält. Die Washington Post zitierte einen Geheimdienstler, der das Thema nicht diskutieren wollte.

Auch ein von CNN befragter ehemaliger libyscher Botschafter wollte nichts Konkretes zu CIA-Verbindungen von Haftar sagen, er ergänzte aber vieldeutig: "Die Amerikaner kennen ihn sehr sehr gut." Von der US-Regierung gibt es keine Stellungnahme zu dem ehemaligen General.