Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama © Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Außenpolitik steht nicht unbedingt ganz oben auf der Liste der Dinge, für die sich US-Medien interessieren. Am Freitag ist das anders. Fast eine halbe Stunde lang zeigt der US-Sender CNN geduldig die leeren Rednerpults im Rosengarten des Weißen Hauses, wo die beiden Politiker eigentlich um 11.40 Uhr Ortszeit nach ihrem Vier-Augen-Gespräch sprechen sollen. Doch die Ankunft verzögert sich. Die deutsche und amerikanische Flagge an der Seite der Rednerpults sind lange das einzige, das sich hier bewegt. Es gebe, so die Schlussfolgerung der Moderatoren, offenbar doch mehr Gesprächsbedarf. 

Als sie um zehn nach zwölf dann endlich auftauchen, demonstriert vor allem der Präsident tiefe Geschlossenheit. Er wählt persönliche Worte, spricht von seiner Familie und der tiefen Freundschaft zu Merkel, erinnert an seinen Besuch in Berlin im vergangenen Jahr und das "unglaubliche Wetter". Immer wieder wendet er sich seinem Gast aus Deutschland zu, spricht die Kanzlerin direkt an. "Danke, dass Du so ein verlässlicher und starker Partner bist." Obama weiß, dass der erste Besuch der deutschen Kanzlerin nach drei Jahren auch eine Gelegenheit sein muss, das angeschlagene Verhältnis zu einer seiner wichtigsten Vertrauten zu kitten. Es geht vor allem um die Zwischentöne. Vier Stunden räumt sich der Präsident am Freitag für Merkel frei. 

Die US-Spionageprogramme, die Enthüllung, dass die Geheimdienstbehörde NSA auch das Telefon der Kanzlerin abgehört hat, das Scheitern eines "No-Spy"-Abkommens: All das hat die Beziehung der beiden Staaten belastet. In Deutschland ist die Skepsis gegenüber Obama, der hier einst mehr gefeiert wurde als in seinem Heimatland, gewachsen. Dass der Besuch sich wegen Merkels Skiunfall verzögerte, ein Glücksfall der Diplomatie. Denn mit der anhaltenden Krise in der Ukraine, mit der harten Linie Russlands in der Krim und dem Starrsinn des russischen Präsidenten Putin bietet sich den beiden die Chance zum Schulterschluss. Es gibt ein gemeinsames Ziel, und nie ist es einfacher, sich zu einigen, als in der Uneinigkeit mit einem Dritten. 

Entsprechend widmen beide Politiker im Rosengarten der Krise in der Ukraine die meiste Zeit. Obama und Merkel kündigen weitere Sanktionen an, sollten die anstehenden Wahlen am 25. Mai in der Ukraine die Situation der Menschen im Land nicht deutlich verbessern und Putin nicht einlenken und sich an die Vereinbarungen aus Genf halten. Der russische Präsident habe keine "Vetokraft über eine rechtmäßig gewählte Regierung in Kiew". Auch Wirtschafts- und Militärsanktionen werden angedacht. Aber die Pläne bleiben vage, beide wissen, dass Europa sich vor den Folgen möglicher Wirtschaftssanktionen stärker fürchtet als die Amerikaner. Das Ziel, sagt der US-Präsident nur, sei es nicht, Putin zu bestrafen, sondern ihm Anreize zu geben, eine bessere Entscheidung zu treffen. Und auch hier: "Angela Merkel war im Vorgehen in der Ukraine von unschätzbarem Wert." Obama erwähnt die deutschen OSZE-Beobachter, die immer noch in der Hand von pro-russischen Militärkräften seien. Die Bundeskanzlerin betont, es sei wichtig, dass Amerika und Europa an einem Strang zögen.

Merkels Wortwahl ist respektvoll, aber selten herzlich

Merkel ist auffallend vorsichtig und kritisch. Sie spricht auch die empfindlichen Themen an, die Obama im besten Fall streift. Beispiel Überwachung. Es bedürfe einer Balance zwischen Überwachung und Sicherheit, hier bestehe in den kommenden Monaten noch viel Diskussionsbedarf. Ihre Wortwahl ist respektvoll, aber selten herzlich. Sie bleibt sachlich, spricht von der wichtigen transatlantischen Beziehung, nicht von enger Freundschaft. Immerhin: Beide reden vom "Cyber-Dialog", der die Seiten zusammenbringen soll.  

Möglicherweise hat sie auch den Seitenhieb des früheren Präsidentschaftskandidaten John McCain noch im Kopf. Der Republikaner hatte es gewagt, die Bundeskanzlerin in der US-Presse offen anzugreifen, als diese schon im Flieger Richtung Washington saß. Ihre Politik sei "peinlich", die deutsche Linie ganz offensichtlich von den Industrieinteressen im Land gesteuert. Das, setzte McCain nach, sage er ihr auch gerne persönlich. Dazu allerdings kam es nicht – Merkel strafte ihn auf ihrem Besuch mit Missachtung.

Obama und Merkel wollen Freihandelsabkommen umsetzen

Doch das Gipfeltreffen soll davon unbeeindruckt bleiben. Hier sollen neue Akzente gesetzt werden, der Blick soll nach vorn zeigen. Obama und Merkel werben für ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa, das Jobs bringen und den Export ankurbeln soll, aber in beiden Teilen der Welt mit Skepsis gesehen wird. Protektionisten hier und dort fürchten neue Konkurrenz, Umweltschützer sehen Schutzstandards in Gefahr. Die Skepsis, so Merkel, könne überwunden werden. Wie, das lässt die Kanzlerin offen. 

Ein Journalist erinnert die Bundeskanzlerin zum Schluss an ihren Kommentar: Freunde dürften Freunde nicht abhören. Ob sie das noch immer so sehe? Und stimme sie dem französischen Präsidenten darin überein, das Vertrauen zu den Amerikanern sei wieder hergestellt? Seine zweite Frage geht an den US-Präsidenten, es ist eine andere, aber Obama nimmt sich die Zeit, auf die erste Frage einzugehen. Es habe ihm persönlich weh getan, wie sehr die Debatte über die Abhöraktionen das Verhältnis zwischen ihm und Merkel belastet habe. "Wir müssen dieses Thema sehr ernst nehmen." Der Schutz der Privatsphäre sei Kern des amerikanischen Selbstverständnisses, so Obama.

Bürger in Deutschland, betont er, seien nie von US-Behörden abgehört worden. Beide Länder teilten die gleichen Bedenken, man werde eng zusammenarbeiten und sicherstellen, dass mögliche Missverständnisse aus dem Weg geräumt würden. Dieses Mal scheint es Merkel zu sein, die das Thema lieber abschließen will. Ihre Antwort fällt im Vergleich knapp aus. Es sei jedenfalls mehr nötig als "business as usual", um die Schwierigkeiten zu überwinden, sagt die Kanzlerin vage. Dann verabschieden sie sich. Es gibt Mittagessen.