Nigerias Präsident Goodluck Jonathan nimmt den Mund voll, wie so oft. Nach jeder Gewalttat der islamistischen Terrorsekte Boko Haram hat er den Sieg über die Extremisten versprochen, die vor allem den Norden des Landes mit Schrecken überziehen. Ein temporäres Problem nannte er deren Attacken zuletzt, als im März eine Bombe in der Hauptstadt Abuja mehr als 200 Menschen tötete. Man werde darüber hinwegkommen.

Seit Wochen nun hält die Gruppe Hunderte entführte Schülerinnen gefangen. Anführer Abubakar Shekau feiert sich dafür in einem Bekennervideo. Die jungen Mädchen sollen versklavt werden, für zwölf Dollar könnten sie verkauft werden. Er kündigt weitere Angriffe an.

Jonathan, der in diesen Tagen scheinbar unbeeindruckt seinen Wahlkampf für das kommende Jahr betreibt, kennt darauf nur eine Antwort. Doch der Ausnahmezustand seit vergangenem Jahr und unzählige militärische Operationen in den besonders betroffenen Bundesstaaten im Nordosten haben die Extremisten nicht davon abgehalten, die Kinder in ihre Gewalt zu bringen. Die Entführung ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass sie sich in der Region noch immer weitgehend unbehelligt von Sicherheitskräften bewegen können.

In den vergangenen Monaten haben Anhänger von Boko Haram Dutzende Dörfer überfallen, Hunderte Zivilisten getötet, Schulen und andere Einrichtungen zerstört. Seit die 2002 entstandene Gruppe, die in Nordnigeria eine Scharia-Herrschaft errichten will, vor vier Jahren von vereinzelten Attacken zu einem Krieg gegen den nigerianischen Staat übergegangen ist, starben viele Tausend Menschen durch ihre Angriffe, rund eine halbe Million sind aus der Region geflüchtet. Und der Terror hat mit mehreren Bombenanschlägen längst die Hauptstadt im Süden erreicht.

Rohstoffmilliarden kommen im Norden nicht an

Es ist ein afrikanisches Klischee, doch in Nigeria trifft es zu wie nirgendwo sonst: Das Land ist reich, die meisten Menschen sind arm. Neben ethnischen und religiösen Komponenten hat auch das dazu beigetragen, dass Boko Haram gerade in der rückständigen Provinz im Nordosten lange Zeit immer neue Anhänger rekrutieren konnte. Öl und Gas bringen Milliardeneinnahmen, sie sorgen dafür, dass Nigeria auf dem Papier inzwischen die stärkste Volkswirtschaft des Kontinents ist. Doch davon profitieren vor allem korrupte Beamte, Politiker, Geschäftsleute und eher der Süden. Im Norden kommt im Grunde nichts an, die Region ist von der Entwicklung im Rest des Landes abgehängt.

Dass die Islamisten zu Beginn nicht nur für eine islamistische Gesellschaftsordnung kämpften, sondern auch gegen Armut, ungerechte Verteilung und Korruption, hat ihren Aufstieg  ermöglicht. Die sozialen Bruchlinien verstärken, was das Land darüber hinaus noch spaltet: Der Süden ist eher christlich geprägt, der Norden eher muslimisch, auch ethnische Zugehörigkeiten überlagern den Konflikt, aber die primären Auslöser sind das eben nicht zwingend.

Die Reaktion der nigerianischen Regierung darauf war immer eine kurzfristige und militärische, nie eine, die sich der grundlegenden Probleme annahm. Mehr noch waren es hilflose Reaktionen, die wenige Erfolge brachten und die Lage noch vertrackter machten. Die Soldaten waren oft weit weg, wenn Boko Haram zuschlug, Gefangene konnte die Terrorgruppe mehr als einmal wieder befreien, und auch jetzt wird deutlich, wie wenig Armee und Polizei ausrichten: Dass die entführten Mädchen immer noch in der Gewalt der Extremisten sind, dass überhaupt so viele Kinder auf einmal verschleppt werden konnten, ist nicht nur aus Sicht der Eltern eine Schande.

"Unsere Religion ist töten, töten, töten"

Und dann, wenn das Militär in die Offensive ging, traf es nicht selten die Falschen: Wahllos brutal schienen die Aktionen, viele  unbeteiligte Zivilisten wurden dabei getötet, manche sprechen von Massakern. Das alles hat sicher nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung im Norden sich von der Regierung beschützt fühlt oder gar auf ihrer Seite steht. Dort wie auch in Oppositionskreisen halten sich Gerüchte, Teile der Regierung und der Armee hätten sich mit Boko Haram verbrüdert und kein Interesse an einer Befriedung des Nordens, im Gegenteil: Sie schürten die Gewalt. Offensichtlich ist jedenfalls, dass jene, die von Nigerias enormen Investitionen in Militär und Sicherheitskräfte profitieren (direkt oder über den Umweg der Korruption), einen Gewinn aus dem Terrorismus ziehen.

Hatte es zwischenzeitlich auch moderatere Stimmen innerhalb der Gruppe gegeben, die sich sogar für einen Dialog mit der Regierung einsetzten, scheint sich Boko Haram inzwischen völlig radikalisiert zu haben. Die Abstände zwischen den Anschlägen und Entführungen werden kürzer, mehr und mehr Zivilisten werden Opfer des Terrors. Die Ziele werden weicher, wie die Entführungen zeigen, sie werden aber auch beliebiger. In der Nacht zum Dienstag überfielen die Islamisten das Dorf Gamburo im Bundesstaat Borno, der ihr wichtigstes Rückzugsgebiet ist, und ermordeten wahllos mehr als 200 Menschen. Anführer Shekau ließ die Welt jüngst wissen: "Unsere Religion und unsere Art des Gebets ist töten, töten, töten." Es geht nicht mehr um ein ideologisches Ziel, nur noch um Chaos.

Hilfe aus den USA hat nur kurzfristigen Effekt

Solange es in der Mehrheit Sicherheitskräfte, Regierungseinrichtungen oder überwiegend Christen traf, hatte die Sekte im muslimischen Norden durchaus das Potenzial zu einer Massenbewegung, selbst wenn Schulen zu den Zielen gehörten. Jetzt ist sie durch die Militäroperationen deutlich dezimiert und bekommt durch ihre extreme Radikalisierung laut einem aktuellen Bericht der International Crisis Group Probleme, neue Mitstreiter zu rekrutieren; sie muss auf Zwang oder bezahlte Kämpfer setzen und auch außerhalb der Landesgrenzen aktiv werden.

In dieser Veränderung liegt auch eine Chance, wenn die Regierung nicht mehr nur auf Gewalt als Antwort auf den Terror setzt. Dass die USA und Großbritannien bei der Suche nach den Mädchen helfen wollen und Nigeria das Angebot auch annimmt, mag  in diesem einen Fall zu einem kleinen, kurzfristigen Erfolg führen. Das eigentliche Problem ist auf diesem Weg nicht zu beseitigen – doch für grundlegende Veränderungen fehlt Präsident Jonathan offenbar der politische Wille, und die Gesellschaft ist zu polarisiert. Gut möglich, dass die Entführungen die Stimmung im Land umschwingen lassen, die Proteste nehmen zu. Bislang aber zerstört jede Attacke den nigerianischen Staat ein Stückchen mehr.