Rahinah Ibrahim © The New Straits Times Press

Im zehnten Stock eines Bürohochhauses in Downtown San José tippt Elizabeth Pipkin den Zugangscode für die Tür ein und geht durch den Flur nach hinten in den File Room. In wuchtigen Regalen lagern hier die Fallakten der renommierten Bay-Area-Kanzlei, für die Pipkin arbeitet. Sieben Fächer sind für das wichtigste Verfahren in der Karriere der jungen Anwältin reserviert: Rahinah Ibrahim v. Department of Homeland Security, Aktenzeichen C 06-00545 WHA.

Neun Jahre hat der Rechtsstreit zwischen ihrer Mandantin Rahinah Ibrahim, einer ehemaligen Bauingenieur-Doktorandin an der Universität Stanford, und dem amerikanischen Heimatschutzministerium gedauert. Er hat bis zu 4 Millionen Dollar an Anwaltskosten verschlungen. Erst vor wenigen Wochen hat ein Bundesgericht in San Francisco nun das vollständige Urteil veröffentlicht. Darin wird zum ersten Mal überhaupt festgestellt, dass die amerikanischen Sicherheitsbehörden eine unbescholtene Frau zu Unrecht auf eine Terrorliste gesetzt haben, die No-Fly-Liste. Wer auf ihr steht, gilt als so gefährlich, dass er in kein Flugzeug steigen darf, das im amerikanischen Luftraum fliegt.

Die Regierung hat alles dafür getan, das Verfahren von Rahinah Ibrahim abzublocken, mit Verweis auf Staatsgeheimnisse und die nationale Sicherheit. Jahrelang sah es so aus, als ob ihr das gelingen würde. Aber dann kam es doch noch zum Prozess, der vom vergangenen Dezember an zu großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde. Rahinah Ibrahim, die heute Architekturprofessorin in ihrer Heimat Malaysia ist, durfte noch nicht einmal für die Aussage in ihrem eigenen Verfahren in die USA zurückreisen. Sie wurde in einem Konferenzzentrum im Londoner Bankenviertel vor einer Kamera angehört, in Anwesenheit von Juristen des US-Justizministeriums.

Auf dem Video ist eine zierliche Frau zu sehen, mit Brille und rundem Gesicht, das durch ein gelbes Kopftuch mit Blumenmuster eingerahmt wird. Fast 14 Stunden lang erzählt die heute 48 Jahre alte Rahinah Ibrahim die Geschichte ihrer Demütigung. Sie ist nüchtern und gefasst, doch ganz am Ende bricht es aus ihr heraus. Unter Tränen sagt sie: "Ich möchte nicht, dass meine Kinder Amerika hassen wegen dem, was mir passiert ist, sondern das Amerika kennenlernen, das ich respektiert habe."

Mit den Medien möchte Rahinah Ibrahim derzeit nicht sprechen, auf Anraten ihrer Anwälte, denn es gibt immer noch offene Fragen in diesem endlosen Verfahren. Aber durch das Sichten von Hunderten Seiten an Akten sowie durch Gespräche mit Ibrahims Rechtsbeistand, Freunden und früheren Kollegen in Kalifornien kann ZEIT ONLINE ihre Geschichte im Detail rekonstruieren. Sie zeigt beispielhaft, wie sehr sich die USA nach dem 11. September 2001 im Kampf gegen den Terror verrannt haben – und wie ein auf Geheimhaltung bedachter Sicherheitsapparat versucht, folgenreiche Fehler vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Post zur Weltmeisterschaft

Nach 9/11 haben die amerikanischen Behörden eine ganze Reihe geheimer watch lists angelegt, die der Kontrolle weitgehend entzogen sind. Betroffene können sich kaum wehren. Wie auch? In der Regel wissen sie ja nichts von der Speicherung. 875.000 Namen von angeblichen Terror-Verdächtigen sind in der größten dieser Datenbanken gespeichert, fast zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Geheimdienste, Polizei, der Grenzschutz und andere Sicherheitsbehörden erstellen aus dieser Sammeldatei jeweils eigene Unterlisten, darunter die No-Fly-Liste für die vermeintlich Gefährlichsten der Gefährlichen. Mindestens 22 Länder können auf Informationen aus den US-Terrorlisten zugreifen. Der Bundesrepublik schickten die USA 2006 vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland die Namen aller 33.000 Personen, die damals auf der No-Fly-Liste standen, um sie mit akkreditierten WM-Besuchern abgleichen zu können.

Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahren darauf hin, wie intransparent und fehleranfällig die geheimen Datenbanken sind – und wie folgenreich. In einer Studie der American Civil Liberties Union (ACLU) von diesem März heißt es: "Eine Platzierung auf einer watch list kann lebensverändernde Konsequenzen haben."

Niemand wüsste das besser als Rahinah Ibrahim.