US-Präsident Barack Obama in West Point © Spencer Platt/Getty Images

Den Ton für seine Rede in West Point setzte der US-Präsident bereits einen Tag zuvor. Am Dienstag hatte Barack Obama angekündigt, nach Ablauf des Jahres weniger als zehntausend Soldaten in Afghanistan belassen zu wollen. Der Kampfeinsatz sei dann offiziell beendet. Noch vor dem Ende seiner Amtszeit im November 2015, machte Obama klar, sollen auch die restlichen Truppen abgezogen werden. Die 13 zermürbenden Kriegsjahre sollen endlich der Vergangenheit angehören.

Der Zeitpunkt kam nicht ganz zufällig. Einen Tag später sprach Obama vor der Abschlussklasse der Militärakademie in West Point. Hier wird Amerikas Offiziersnachwuchs ausgebildet, kaum eine Bildungseinrichtung im Land genießt mehr Prestige. Die Rede des Präsidenten ist Tradition, seit jeher ist sie auch Gelegenheit, die Eckpunkte der eigenen Außenpolitik abzustecken und die eigene Vision von Amerikas Rolle in der Welt zu erklären.

"Sie sind der erste Jahrgang, der nach dem Abschluss nicht zum Einsatz in Afghanistan oder Irak geschickt werden wird", beginnt Obama seine Ansprache. Die Welt sei heute eine andere. In West Point, gut 80 Kilometer nördlich von New York City, verweist der Präsident auf die Erfolge seiner Amtszeit: Der Schlag gegen Osama Bin Laden vor drei Jahren, mit dem der Kopf des Terrornetzwerks Al-Kaida ausgeschaltet worden war. Das Ende des Irakkriegs, und – noch einmal– den laufenden Rückzug aus Afghanistan. Selten habe Amerika stärker dagestanden als heute, sagte Obama.

Großer Hammer, aber behutsam mit dem Nagel

Es ist eine ganz andere Rede als die seines Vorgängers George W. Bush vor fast zwölf Jahren, die nach den Anschlägen vom 11. September den Ton setzen sollte für die amerikanische Außenpolitik der kommenden Dekade. Der "War on Terror" bestimmte damals das Denken, dem alles andere untergeordnet wurde. Die Verteidigung Amerikas gegen seine neuen Feinde, so die Meinung nicht nur in Washington, verlange nach entschiedenen militärischen Antworten. Das Land setzte auf Präventivschläge, bloße Drohgebärden und Diplomatie galten als Schwäche.

Obama will einen Schlussstrich ziehen unter amerikanische Alleingänge und militärische Härte ohne Kompromiss. 13 Jahre Irak und Afghanistan haben das Land kriegsmüde gemacht. Das weiß auch der Präsident. Hier, vor der Abschlussklasse der Militärakademie, betont er am Morgen die Bedeutung von Zusammenarbeit. Seine Kritiker, so Obama, seien der Meinung, militärische Interventionen seien noch immer der einzige Weg, um Konflikte zu lösen. "Aber allein die Tatsache, dass wir den größten Hammer haben, heißt nicht, dass der Nagel immer die einzige Lösung ist", sagte Obama.

In West Point entwirft er das Bild eines Amerikas, das sich als Teil eines Weltgefüges sieht. Internationale Organisationen wie die UNO, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds hätten die Notwendigkeit amerikanischer Alleingänge reduziert. Eine schnelle multilaterale Reaktion habe nicht nur Russland im Ukraine-Konflikt innerhalb weniger Tage isoliert und den Menschen in der Ukraine die Möglichkeit gegeben, über ihre Zukunft mitzubestimmen. Auch im Iran habe man dank eines diplomatischen Vorgehens zum ersten Mal ernsthaft die Möglichkeit, "unsere Differenzen friedlich beizulegen".