Die Bewohner von Odessa trauern um die Opfer der Unruhen des 2. Mai 2014. © Gleb Garanich/Reuters

Ausgerechnet Odessa. Eine weltoffene, tolerante Stadt ist zum Schauplatz der schlimmsten Unruhen in der Ukraine seit den Vorfällen auf dem Maidan geworden. Am vergangenen Freitag starben dort bei Straßenschlachten und einem Brand 46 Menschen. Am Sonntag attackierten bis zu 3.000 mit Knüppeln Bewaffnete das Polizeigebäude, um prorussische Gefangene zu befreien. Am Montagabend  drohten weitere Unruhen: Prorussische Separatisten hatten angekündigt, das Regierungsgebäude anzugreifen.

"Es waren schreckliche Tage in der Stadt", sagt die Lehrerin und Journalistin Karina B. Normalerweise würden sich die Bewohner Odessas nicht sonderlich für Politik interessieren, der Tourismus habe immer Vorrang gehabt in der Küstenstadt am Schwarzen Meer. Doch die Geschehnisse auf dem Maidan hätten auch Odessa verändert: "Plötzlich gibt es Streit in den Familien, unter Freunden, auf der Straße", sagt sie. In den letzten Wochen habe es immer wieder Demonstrationen gegeben – für die Ukraine, aber auch pro Russland. Immer sei alles friedlich geblieben. Dass nun auch in Odessa die Gewalt eskaliert, das hätte Karina B. am Freitag noch nicht für möglich gehalten.

Am Freitagnachmittag war im Zentrum der Stadt alles friedlich: Fußballfans saßen in Cafés, daneben Familien mit ihren Kindern und unter ihnen auch Karina B. Für drei Uhr war eine Demonstration von Anhängern der Maidan-Revolution angekündigt, die die Fußball-Fans unterstützen wollten. Danach wollten sie weiterziehen zum Stadion, ausgerüstet mit Fanschals und ukrainischen Fahnen.

Karina B. wurde Zeugin, wie prorussische Separatisten die Demonstranten angriffen: "Sie gingen mit schweren Stöcken auf die Fans los. Plötzlich herrschte überall Chaos." Während auf den Straßen heftige Kämpfe ausbrachen, flüchtete Karina B. aus dem Zentrum. In sozialen Netzwerken verfolgte sie, wie dazu aufgerufen wurde, die beiden gegnerischen Gruppen zu unterstützen. "Kommt in die Innenstadt", forderten beide Seiten ihre Anhänger auf. Wenig später eskalierte die Gewalt: Mit Knüppeln, Schusswaffen und Molotowcocktails gingen die Gegner aufeinander los, dabei ging das zentrale Gewerkschaftshaus in Flammen auf. Ob das Feuer gezielt gelegt wurde oder der Brand aus Versehen ausbrach, das ist bis heute nicht geklärt.

Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk reiste am Wochenende in die Hafenstadt. Für ihn ist klar, wer die Schuld an den Unruhen trägt: All dies sei Teil eines russischen "Plans zur Zerstörung der Ukraine". Russland habe Leute geschickt, "um für Chaos zu sorgen", sagte er. Die russische Regierung wiederum gibt der Regierung in Kiew sowie ihren westlichen Unterstützern die Schuld. Es ist das mittlerweile gängige Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Russland und der Ukraine. 

Woher kamen die Kämpfer und die Waffen?

Die deutsche Regierung forderte am Montag eine vollständige Aufklärung der Ereignisse: Einseitige Schuldzuweisungen seien zum jetzigen Zeitpunkt nicht angebracht, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Es ist wichtig, dass die ukrainische Regierung eine transparente Aufklärung der Vorgänge schnell erreichen will."

Dies fordert auch Karina B. Sie fragt sich: Woher kamen die Kämpfer? Woher hatten sie die Waffen? Und warum sahen die Polizisten tatenlos zu? Seit dem 1. Mai sei in Odessa zu hören gewesen, dass man mit Unruhen rechne. Warum hatten Stadtverwaltung und Polizei nicht vorgesorgt?  

Mit Antworten ist so schnell nicht zu rechnen. Die Erfahrung vom Maidan lehrt: Eine vollständige, transparente Aufklärung kann auf sich warten lassen – im Fall der Maidan-Toten vom Februar liegt noch immer kein vollständiger Untersuchungsbericht vor. Zudem scheint objektive Aufklärung zunehmend schwierig, angesichts bürgerkriegsähnlicher Zustände in vielen ostukrainischen Städten und den zahlreichen häufig radikalisierten Gruppierungen, die involviert sind. Die Propagandamaschinerie ist längst auf beiden Seiten aktiv. Gleichzeitig werden unabhängige Beobachter rar: Nach der Geiselnahme von OSZE-Militärbeobachtern will zumindest Deutschland erst einmal auf die Entsendung neuer Beobachter verzichten.