Wladimir Lukin (Mitte) in Donezk © Genya Savilov/AFP/Getty Images

"Private Mission": So hatte das Wording für den Aufenthalt des Putin-Vertrauten Wladimir Lukin im ukrainischen Donezk zunächst gelautet. Rinat Achmetow habe ihn eingeladen, hieß es. Achmetow, der reichste Mann der Ukraine und Besitzer des Fußballclubs Schachtjor Donezk. Tatsächlich wurden beide Männer am Freitagabend auf Achmetows VIP-Tribüne in der Donbass-Arena gesichtet. Schachtjor, Titelverteidiger der ukrainischen Premier-Liga, spielte Ilitschowetz Mariupol an die Wand, ohne besondere Begeisterung. Das Match war so langweilig, dass keine rechte Stimmung aufkommen wollte und viele Fans vor Spielende das Stadion verließen.

Lukin kam der ereignislose Abend vielleicht ganz recht. Denn Samstagfrüh wartete eine Herausforderung auf ihn. Der russische Gesandte war nicht bloß zur Freizeitgestaltung in die Ostukraine gekommen. Ein paar Stunden nach Spielende vermittelte Lukin die Freilassung von zwölf Geiseln, die sich acht Tage lang in der Gewalt von prorussischen Separatisten in der Stadt Slowjansk befunden hatten. Darunter waren sieben internationale Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sowie fünf ukrainische Militärs.

Am Samstagnachmittag trat der Putin-Vertraute gemeinsam mit Europarat-Chef Thorbjørn Jagland und dem Gouverneur des Donezker Gebiets Sergej Taruta in Achmetows Luxushotel Schachtjor Plaza vor die Presse, um die Details der Übergabe zu schildern. Die Männer – vier Deutsche, ein Däne, ein Pole, ein Tscheche sowie die fünf Ukrainer – wurden an einem Checkpoint in der Nähe von Slowjansk an Jagland übergeben. Den weiteren Tag hielten sie sich in einem Hotel beim Flughafen Donezk auf und sollten möglichst rasch in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Sie seien bei guter Gesundheit, hieß es, und sie seien nicht misshandelt worden.

Triumph der russischen Diplomatie

Es war ein Triumph der russischen Diplomatie in Gestalt des unscheinbaren Wladimir Lukin, der von einer "erfolgreichen humanitären Aktion" sprach. Keine 24 Stunden dauerte seine Mission, und aus Geiseln wurden wieder freie Menschen. Die indirekte Botschaft von Putins Gesandtem: Ohne Russland gibt es keine Lösung im Ukraine-Konflikt. Hört der Westen auf Moskau, dann kann alles sehr schnell gehen. Er habe "viele Gespräche geführt" – und natürlich auch mit den jetzigen Herren von Slowjansk verhandelt, erzählte der Unterhändler unaufgeregt.

Lukin ist ein älterer Herr mit weißem Haar und dicker Brille. Früher einmal war er Ombudsmann für Menschenrechte. Am 20. Februar flog er im Auftrag des russischen Präsidenten Wladimir Putin als Sondergesandter nach Kiew, um bei den Verhandlungen zwischen dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch, der Opposition und der EU die russische Position zu vertreten. Seine Unterschrift unter das nie umgesetzte Abkommen, das vorgezogene Neuwahlen bis Ende des Jahres vorsah, verweigerte er. Jagland, der Lukin mit der Vermittlung beauftragt haben soll, sprach von einer "weithin respektierten Persönlichkeit". "Lukins Stimme wird bis in die höchsten Kreise der Russischen Föderation gehört", sagte der Europarat-Vorsitzende.

Russischer Geheimdienst soll bereits informiert gewesen sein

Vermutlich war es genau umgekehrt: Auf höchster Ebene wurde grünes Licht gegeben. Am Donnerstag hatte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel Wladimir Putin um Hilfe in der Causa gebeten. Dass Lukin den Deal nur umsetzte, ist auch aus einem Gespräch ersichtlich, das er mit dem mutmaßlichen russischen Geheimdienstoffizier Igor Girkin führte. Girkin soll in Slowjansk russische Einsatzkräfte befehligen. Der ukrainische Geheimdienst veröffentlichte ein Telefonat, aus dem hervorgeht, dass Girkin bereits über die geplante Freilassung von anderer Stelle informiert worden war; er habe keine Einwände, erklärt er, und bespricht mit dem russischen Vermittler die Details des Treffens. Das Telefonat ist kurz, klar, eine gemachte Sache.

Bisher hatte Russland stets behauptet, auf die prorussischen Separatisten in der Ostukraine keinen Einfluss zu haben. Moskau argumentierte, dass Kiew zuerst seine Truppen aus dem Osten des Landes abziehen müsse. Mit der Geiselbefreiung zeigt Putin, dass er sehr wohl eingreifen kann – wenn er nur will. Jagland sagte, er hoffe, dass dies erst der Anfang der Kooperation und Deeskalation gewesen sei. Angesprochen auf weitere mögliche Vermittlungsversuche winkte Lukin allerdings ab: "Ich mische mich nicht in die inneren Angelegenheiten der Ukraine ein."