Polen wird der europäischen Neonazi-Szene in den kommenden Monaten gleich zweimal eine große Bühne bieten, und zwar im wörtlichen Sinne. Für Juni und Juli sind sind an einem noch immer unbekannten Ort nämlich Musikfestivals mit rechtsextremen Bands geplant. Spielen wird dabei zum Beispiel eine Gruppe aus Estland, die sich Preserve White Aryans nennt ("Schütze weiße Arier"), wie die liberale Zeitung Gazeta Wyborcza erfuhr. Eingeladen sind auch Musiker aus Frankreich, Italien und natürlich aus Polen. Schon die Namen lassen keine Zweifel an ihrer Gesinnung. Konkwista 88 und AgreSSiva 88 heißen zwei weitere Bands. Die acht steht dabei für das H, den achten Buchstabe des Alphabets. 88 bedeutet  "Heil Hitler".

Die polnische Band Werwolf wiederum hat sich nach der nationalsozialistischen Untergrundbewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges benannt. In ihren Liedern heißt es zum Beispiel: "Wir werden nicht wehrlos zuschauen, wie der jüdische Abschaum die Kontrolle über die Welt gewinnt." Doch nicht nur Juden sind Ziel der aggressiven rhetorischen Attacken, auch Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben. 

Die beiden Musikfestivals weisen auf eine gefährliche Entwicklung hin: Ausgerechnet in Polen, wo während des Zweiten Weltkrieges Millionen von Bürgern in Konzentrationslagern starben, verzeichnen die Neonazis seit einigen Jahren Zulauf. Vor allem deren antisemitische und rassistische Ideologie scheint wieder in Mode zu kommen. Dabei leben in Polen im Vergleich beispielsweise zu Deutschland kaum Ausländer.

835 Ermittlungen wegen Volksverhetzung

Während der Zeit des Kommunismus waren Rechtsextremisten in Polen fast nicht aktiv. Nach der Wende kam es dann zu gewaltsamen Übergriffen gegen Ausländer. 1990 prügelten Skinheas in Wroclaw (Breslau) ein Dutzend afrikanischer Studenten zusammen – diese hatten die Entlassung des südafrikanischen schwarzen Bürgerrechtlers Nelson Mandela aus der Haft gefeiert.

Wroclaw, das 2016 Kulturhauptstadt Europas wird, will sich mit dem Motto "The meeting place" weltoffen zeigen. Doch jedes Jahr erhalten in dieser Stadt die Demonstrationen von neofaschistischen und rechtsradikalen Gruppen mehr Zulauf.

Grundsätzlich scheint die ausländerfeindliche Stimmung in Polen gestiegen zu sein. Im vergangenen Jahr wurden 835 Ermittlungen wegen Volksverhetzung verzeichnet – doppelt so viele wie im  Jahr zuvor. Zumeist waren Menschen jüdischer Abstammung betroffen, aber  auch jene, die dunkle Haut haben, außerdem: Muslime, Araber und Russen.

Ein Grund dafür könnte die steigende Zahl von Asylanträgen sein, auch wenn Polen EU-weit noch immer die wenigsten Antragsteller hat. In letzter Zeit beantragen vor allem Russen Asyl, meist sind es Tschetschenen. 

"Der letzte Dreck"

Die Bedingungen für Asylbewerber sind in Polen hart: Die Mehrheit von ihnen wird in einer Übergangstelle untergebracht. Sie sind eingeschlossen, dürfen selten raus und wenn, dann nur bewacht. Auch Enthüllungsberichte von Undercover-Journalisten haben bislang nicht dazu beigetragen, dass die Aufenthaltsbedingungen besser geworden wären.

Auch von Seiten der Behörden haben die Flüchtlinge mit Ressentiments zu kämpfen. So wurde unlängst der Fall eines Grenzbeamten bekannt, der in Bialystok mit tschetschenischen Flüchtlingen zu tun hatte und sie anschließend im Internet anonym als "den letzten Dreck" beschimpfte.