Das Wort ist ihre einzige Waffe – und die war offenbar zu scharf. Am 9. Dezember 2013 wurde die Anwältin Razan Zeitouneh, prominente Vertreterin des zivilen syrischen Widerstands, zusammen mit ihrem Mann Wael Hamada und zwei weiteren Aktivisten aus dem Büro ihrer Menschenrechtsorganisation verschleppt. Bis heute hat sich niemand zu der Entführung bekannt oder Bedingungen für die Freilassung gestellt. Es deutet jedoch alles darauf hin, dass Angehörige der islamistischen Miliz Jaish al-Islam (Armee des Islam) die vier in ihrer Gewalt halten.

Nun haben Familienangehörige zusammen mit Amnesty International, Human Rights Watch und mehreren anderen Organisationen eine öffentliche Kampagne für ihre Freilassung gestartet. Erster Schritt: Eine Lawine von Twitter-Nachrichten an den Kommandanten von Jaish al-Islam, Zahran Alloush.

Nicht nur die Methode der Kampagne erscheint ungewöhnlich, sondern auch der Zeitpunkt. Warum erst jetzt, wenn man doch schon recht früh vermuten konnte, wer hinter dem Kidnapping steckt?

Mitstreitern von Zeitouneh erschien es lange Zeit möglich, in geheimen Verhandlungen die Freilassung der vier zu erreichen. Denn den Kidnappern waren wohl selbst schnell Zweifel an ihrer Aktion gekommen. Sie wollten eine unliebsame Kritikerin aus dem Verkehr ziehen und hatten sich dabei an einer Ikone des demokratischen Protestes vergriffen. Jetzt fürchten sie offenbar einen massiven Imageschaden, wenn sie sich als Täter zu erkennen geben.

Razan Zeitouneh hat lange vor dem Aufstand in Syrien politische Gefangene verteidigt, sie wurde nach Beginn der Proteste eine Führungsfigur der Lokalen Koordinierungskomitees, die die Gewalt des Regimes dokumentierten und unter anderem von der deutschen Organisation Adopt-A-Revolution unterstützt werden.

Als sie selbst massiv bedroht und ihr Mann verhaftet worden war, tauchte sie ab. Für die ZEIT schrieb sie in jenem Sommer 2011 aus dem Untergrund ein ebenso eindringliches wie erschütterndes Syrisches Tagebuch.

Nach der Freilassung ihres Mannes Wael verließen die beiden Damaskus und zogen in das von Rebellen kontrollierte Douma nördlich von Damaskus, wo sie im Violations Documentations Center (VDC) zusammen mit einem Netzwerk von Aktivisten die Toten und Verwundeten dieses Krieges erfassten und Menschenrechtsverletzungen dokumentierten. Nicht nur auf Seiten des Regimes, sondern auch auf Seiten der Rebellen.  

Zeitouneh, Leiterin des VDC, ist eine der schärfsten Kritikerinnen der Brutalisierung, Radikalisierung und oft hemmungslosen Korruption auf Seiten des bewaffneten Widerstands. Religiöser Fundamentalismus ist ihr zuwider – daraus machte sie auch in Douma gegenüber der mächtigen Jaish al-Islam keinen Hehl.

Deren Kommandant Zahran Alloush ist einer der führenden Köpfe jenes Zusammenschlusses islamistischer Milizen, der maßgeblich von Saudi-Arabien finanziert wird und Ende 2013 sowohl als Alternative zur Freien Syrischen Armee auftauchte, wie auch als religiös-militärische Gegenmacht zu Al-Kaida-Gruppen. Wie radikal Alloushs salafistische Ideologie ist – darüber streiten sich die Experten.

Zeitounehs Unterstützer sind jedenfalls überzeugt, dass er sich als moderaterer Islamist mit einer nationalen Vision präsentieren will. Nachdem die monatelangen geheimen Verhandlungen zu nichts geführt haben, soll nun die internationale Kampagne den Druck erhöhen. Per Twitter wird der Milizenführer dabei nicht als Täter geoutet, sondern als derjenige, in dessen Hand das Schicksal der "Douma 4" liegt:

Und wenn das nichts hilft? Dann könnte man weltweit darauf drängen, Jaish al-Islam auf die Liste terroristischer Organisationen zu setzen. Oder die Kampagne dorthin lenken, wo Alloushs Finanziers sitzen: Nach Riad, ins saudische Königshaus.