Das erste Wort des Mannes, der sein Land spaltet und an diesem Samstag auch Köln, lautet, ausgerechnet: "Kardeşler", Geschwister. Kaum hat er es ausgesprochen, dröhnt die riesige Arena vor Begeisterungsschreien und Jubel, vom Glück der 15.000 Türken, die sich durch dieses eine Wort vom Oberhaupt aufgenommen fühlen in die Familie, das Volk, die Nation.

Das Problem ist nur: Auf der anderen Rheinseite stehen 30.000 Türken und gehören so gar nicht zu dieser Familie. Sie wollen mit demjenigen, der glaubt, das gesamte Volk zu vertreten, nichts zu tun haben. Sie schimpfen ihn Mörder, und er schimpft sie Terroristen und Feinde der Nation. Die einige türkische Familie, wie Erdoğan sie beschwört, gibt es nicht. Jede neue polarisierende Rede, jeder Tote und fast jeder Tag der vergangenen zwölf Monate hat die Türken immer noch ein Stück weiter zu Gegnern gemacht, statt zu Geschwistern. An diesen Tag ist diese Spaltung auch in Deutschland so sichtbar wie nie zuvor.

Adnan Cangünder läuft am Nachmittag über die Kölner Ringe und lacht kurz und spöttisch auf, wenn man ihn fragt, warum er heute hier ist. "Er hat Menschen umgebracht, Bergarbeiter, Kurden, Aleviten", sagt der Mann der extra aus München angereist kam, zusammen mit vielen anderen aus seiner alevitischen Gemeinde, vier Reisebusse insgesamt. Jetzt rufen sie "Tayyip, hau ab!" und "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand", die Sprüche, die vor fast genau einem Jahr bei den Gezi-Protesten in Istanbul entstanden. 

Überhaupt wirkt dieser Demozug wie ein Ableger der Proteste in der Türkei, die gleiche Mischung aus Linksradikalen, Kemalisten, Aleviten, Kurden, aber auch Menschen, die aussehen als wären sie nur zufällig vom Protestzug aufgesogen worden. Erdoğans Besuch ist für sie Anlass, die Wut und den Frust auf die Straße zu bringen, den sie über Monate aus der Entfernung aufgebaut haben angesichts der Entwicklungen in der Türkei. Dort werfen die Protestierenden mittlerweile immer öfter Molotow-Cocktails, und die Polizei schießt neuerdings mit scharfer Munition. Schon Alltag sind die Wasserwerfer und das Tränengas. Hier in Köln laufen Cangünder und die Anderen singend durch die Straßen, in der Entfernung kann man ein paar Polizeiwagen erkennen, die die Strecke absperren, mehr nicht.

Wahlkampf, der keiner sein soll

Drüben vor der Lanxess-Arena posiert eine Gruppe Erdoğan-Anhänger aus dem Ruhrgebiet für ein Foto und skandiert grinsend, auf türkisch natürlich wie hier alles auf türkisch ist: "Duisburg ist hier, wo sind die Capulcus?" Capulcu, Marodeure, so hatte Erdoğan die Protestierenden genannt. Drinnen verteilen sie Schals mit dem Konterfei des Premiers und dem Spruch: "Steh und beuge dich nicht, dieses Volk ist mit dir!"

Es werde kein Wahlkampfauftritt, hatten die Veranstalter vorher versichert, aber schon bevor Erdoğan selbst am Abend auf die Bühne kommt, ist längst klar: Natürlich ist es Wahlkampf. Der formale Anlass, das zehnjährige Jubiläum des Erdoğan-Fanvereins  "Union Europäisch-Türkischer Demokraten" (UETD) ist eigentlich allen hier egal. Viel wichtiger: Im August sind Präsidentschaftswahlen in der Türkei, Erdoğan tritt vielleicht an. Und die Türken in Deutschland dürfen mitwählen. "Wir lieben unseren Ministerpräsidenten", bekennt der UETD-Vorsitzende in seiner Rede im Vorprogramm, und der Jubel der 15.000 anderen Liebenden in der Arena brandet sofort wieder auf. 

Eine Mischung aus Erdoğan-Verehrung und Nationalismus

Im wörtlichen Sinne ohrenbetäubend ist die gesamte Veranstaltung. Die Lautsprecher sind weiter aufgedreht als bei jedem Konzert und in jeder Disco, die Stimmen der Redner gellen in den Ohren, der Lärm der Anhänger noch mehr. Sie alle hier schreien ihre Mischung aus Erdoğan-Verehrung und Nationalismus in einer solchen Lautstärke hinaus, das man sich um seine Gesundheit sorgen muss. Das Geschrei kommt aus tiefstem Herzen und kennt keine Zurückhaltung. Dieses Gastspiel türkischer Politik in Köln ist emotionaler als als alle deutschen Parteitage der vergangenen Jahre zusammen.

Natürlich liegt das an Erdoğan. Sie singen seinen Namen hier, es gibt gleich mehrere auf ihn gedichtete Lieder. "Er spricht mit der Stimme der Unterdrückten", sagt der Moderator, "hier kommt er, der Architekt der modernen Türkei!"