Schutz vor dem Klimawandel: die Insel Ellesmere in der kanadischen Arktis © REUTERS/NASA/Michael Studinger

Die Krise um die Ukraine wirft – wie immer sie ausgeht – grundlegende und auch sehr praktische Fragen auf zu den Beziehungen zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn. Wird das Verhältnis auf lange Sicht von einer Nullsummenlogik geprägt sein? Oder gelingt es Moskau und den westlichen Regierungen, trotz des tiefgreifenden Konflikts in anderen Feldern weiterhin partiell zusammenzuarbeiten, wo dies gemeinsamen und möglicherweise globalen Interessen entspricht? Und können sie dabei trotz oder gerade wegen des gestiegenen Misstrauens "Vertrauensbildung" neu einüben?

Die Fragen stellen sich nicht nur mit Blick auf den Iran, Syrien, den Nahen Osten oder mögliche Krisen um Nordkorea, sondern auch im gemeinsamen hohen Norden, der Arktis. Denn nichts zeigt uns die Nähe zwischen Nord- und Westeuropa, Russland, Nordamerika und Ostasien so deutlich wie eine auf den Nordpol zentrierte Landkarte.

Der Klimawandel und der damit zusammenhängende Rückgang des Meereises verändert mittlerweile die Geographie der Arktis selbst und macht die bislang weitgehend unüberwindbare Nähe allmählich greifbarer. Er öffnet den hohen Norden im Wortsinn für eine verstärkte wirtschaftliche Nutzung. Dazu gehören die Förderung von Öl, Gas und mineralischen Rohstoffen, die Fischereiwirtschaft, der Tourismus und nicht zuletzt das maritime Transportwesen. 

Zwei Szenarien

Entscheidungsträger und Kommentatoren in den interessierten Staaten entwickeln derzeit zwei unterschiedliche Szenarien mit Blick auf die künftigen internationalen Beziehungen in der Arktis. Die einen sehen die Region als ein Gebiet zwischenstaatlicher Konkurrenz und zunehmender Konflikte; andere betrachten die Arktis als Zone der Zusammenarbeit staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure. Dem ersten Narrativ zufolge wird der Rückgang des Meereises eher früher als später einen Wettlauf um die energetischen und mineralischen Ressourcen der Arktis und damit auch Streitigkeiten um Gebiete befördern.

Die geostrategische Bedeutung der Region wird zunehmen, ebenso die militärischen Aktivitäten verschiedener Akteure. Konflikte zwischen Russland und NATO-Staaten, aber auch zwischen Russland und China, vielleicht sogar zwischen China und NATO- oder EU-Staaten könnten im arktischen Raum ausgetragen werden. 

Dies lässt sich nicht grundsätzlich ausschließen. Allerdings dürfte das Risiko von Ressourcenkonflikten geringer sein als gemeinhin angenommen. Tatsächlich befinden sich, wie Christian Le Miére und Jeffrey Mazo, zwei Forscher des Internationalen Instituts für Strategische Studien, in einem Bericht festgestellt haben, 95 Prozent der bekannten arktischen Öl- und Gasvorkommen in bereits delimitierten Exklusiven Wirtschaftszonen (EEZs) der Anrainerstaaten. Für einen Wettlauf gibt es also keinen Grund.

Es trifft zu, dass die militärische Präsenz in der Arktis zunimmt. Allerdings liegt sie noch deutlich unter dem Niveau des Kalten Krieges. Und die Anrainerstaaten haben sich darauf verständigt, konkurrierende Gebietsansprüche friedlich und auf der Grundlage der Internationalen Seerechtskonvention zu klären.