In Istanbul ist bei gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und türkischen Sicherheitskräften in der Nacht zum Freitag ein weiterer Mensch getötet worden. Der Mann sei Verletzungen erlegen, die er durch eine Splittergranate erlitten habe, sagte Provinzgouverneur Hüseyin Avni Mutlu. Acht weitere Personen seien verletzt worden.

Die Unruhen waren ausgebrochen, nachdem am Donnerstagabend ein Mann an den Folgen von Schussverletzungen gestorben war, die er während Ausschreitungen im Istanbuler Arbeiterviertel Okmeydani erlitten hatte. Der Mann hatte sich nicht an den Krawallen beteiligt, sondern war zur Beerdigung eines Verwandten in Okmeydani.

Am Donnerstag hatte zunächst eine kleine Gruppe von Demonstranten in dem Stadtteil ihren Unmut über das Grubenunglück von Soma sowie den Tod eines jugendlichen Demonstranten nach den Gezi-Unruhen im vergangenen Jahr kundgetan. Als die Polizei eingriff, warfen die Demonstranten mit Steinen und Brandsätzen. Die Sicherheitskräfte feuerten laut Regierung daraufhin Warnschüsse in die Luft ab.

Trotz der Krawalle in der Türkei und auch Kritik aus Deutschland will Ministerpräsident Erdoğan am Samstag in Deutschland auftreten. "Wir gehen dorthin", sagte Erdoğan bei einer Rede vor Provinzpolitikern in Ankara. Nach dem Grubenunglück in Soma sei ihm davon abgeraten worden, nach Deutschland zu reisen. "Ich habe dort drei Millionen Staatsbürger, natürlich gehe ich nach Deutschland", sagte der Regierungschef vor laufenden Fernsehkameras. Erdoğan will am Samstagabend in der Kölner Lanxess-Arena reden. Er selbst sprach am Freitag von 15.000 in der Arena erwarteten Anhängern. Zehntausende Menschen wollen in Köln gegen den Auftritt demonstrieren, zahlreiche deutsche Politiker hatten den Auftritt kritisiert und Erdoğan von dem Besuch abgeraten.

Merkel besorgt über Lage in Türkei

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich besorgt über einige Entwicklungen in der Türkei. Als Beispiele nannte sie das Einschreiten gegen Demonstranten, die Übergriffe auf die sozialen Netzwerke und die Lage der Christen. Das Bild sei aber nicht schwarz-weiß, sondern differenziert. Die Türkei selbst bezeichnete Merkel als sehr wichtigen und engen Partner – "auch weil so viele türkischstämmige Menschen bei uns leben".

Merkel sagte zudem, es sei "unbestritten, dass die Türkei mit Ministerpräsident Erdoğan große wirtschaftliche Fortschritte" gemacht und sich auch das Verhältnis zu den Kurden gebessert habe. Auch schätze sie, was das Land mit der Aufnahme syrischer Flüchtlinge leiste.

Zum Auftritt Erdoğans in Köln sagte Merkel, sie gehe davon aus, "dass er weiß, wie sensibel dieser Termin gerade diesmal ist, und dass er verantwortungsvoll auftritt".