Gregor Gysi und Geert Wilders sind sich einig. Die Europäische Union ist schuld an der Spaltung der Ukraine. Es wurde "gezerrt" an dem armen Land, es wurde "gedrängt", sich zu entscheiden zwischen Ost und West, klagen der Links- und der Rechtspopulist. Entweder ein Assoziierungsabkommen mit der EU oder die Zollunion mit Russland, vor diese polarisierende Wahl hätten die kurzsichtigen Eurokraten die Ukraine gestellt. Beides könne Kiew nicht haben. 

Altkanzler Gerhard Schröder sieht's genauso. "Über eine Assoziierung hätte man reden können, aber zeitgleich mit Russland! Das 'Entweder oder' – also entweder Assoziierung mit der EU oder Zollunion mit Russland – war der Anfangsfehler", sagt er.

Komisch. Als ich 2008 zum ersten Mal in der Ukraine war, wehten überall in Kiew Europa-Flaggen von den Regierungsgebäuden. Die Fassade des Außenministeriums war mit einem riesigen blauen Sternenbanner überzogen, und sämtliche Regierungsvertreter, die ich traf, klagten darüber, dass die EU den Wunsch der Ukraine, sich enger an das institutionalisierte Europa zu binden, einfach nicht recht wahrhaben wolle. Sein Land, sagte mir ein hoher Regierungsvertreter, dürfe auf keinen Fall ein Niemandsland zwischen Europa und Russland bleiben: "Wir brauchen eine klare Westbindung."

Warum ist damals im Osten des Landes kein Widerstand gegen diese "Faschisten" in Kiew ausgebrochen? Vielleicht weil die russischen Propagandasender noch nicht angefangen hatten, sie als solche zu verunglimpfen?

"Korruption in den höchsten Kreisen"

Zwei Jahre später kam Präsident Viktor Janukowitsch an die Macht. Er strebe, sagte er, ein "balanciertes Verhältnis zu Russland und zur EU" an. Die Beziehungen müssten geprägt sein von beiderseitigen Vorteilen. Das war klug. Und genauso hat es auch immer wieder die EU-Kommission formuliert. Von Druck, von einem Entscheidungszwang, den sie auf die Ukraine ausgeübt hätte, kann keine Rede sein. Im Gegenteil, die EU hat sich regelrecht geziert vor einer zu schnellen und zu engen Anbindung der Ukraine. Sie litt nämlich noch unter einem heftigen Erweiterungskater. Erst 2007 hatte die EU Bulgarien und Rumänien als Mitglieder aufgenommen, was, so dämmerte es den meisten Europapolitikern recht bald, deutlich zu vorschnell gewesen war. Nach der Aufnahme in die EU war der Reformeifer in den beiden Ländern schlagartig zum Erliegen gekommen, mehr noch, etliche Millionen Euro Fördergelder aus Brüssel versickerten in privaten Taschen. "Korruption in den höchsten Kreisen und organisierte Kriminalität verschlimmern die generelle Schwäche von Verwaltung und Justiz", hieß es im Sommer 2008 in einem niederschmetternden Prüfbericht der EU-Kommission zu Bulgarien.

Mit der Ukraine, das war selbst den erweiterungseuphorischsten Eurokraten klar, würde man sich ein Problemland ganz anderer Dimension ans Bein binden. Das Land rangierte damals auf dem Bestechlichkeitsindex von Transparency International auf Platz 118, noch hinter Mosambik, der Mongolei, Burkina Faso und Ruanda. "Gemessen an europäischen Regierungsstandards", stellte der US-Außenpolitikexperte Parag Khanna fest, "ähnelt die Ukraine eher Pakistan als Polen". Diese ungünstigen Umstände hatten sich sogar bis nach Brüssel herumgesprochen.