Lange Schlangen vor den Wahllokalen, eine überwältigende Beteiligung und ein mehr als klares Ergebnis – so präsentierten die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine den Ausgang ihres Referendums. Herrlich demokratisch sieht das aus, wenn man nicht ganz so genau hinschaut. Eigentlich aber sah man eine Abstimmung, deren schwerbewaffnete Organisatoren gleich selbst die Stimmzettel (aus dem Kopierer) auswerteten, auf denen reichlich vage die Zustimmung zur "staatlichen Eigenständigkeit" der Regionen Donezk und Luhansk abgefragt wurde – ohne Wählerlisten, ohne Beobachter, ohne rechtliche Grundlage.

Also kann und darf das Referendum im Osten der Ukraine nicht ernst genommen werden, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier formulierte? Sein britischer Amtskollege William Hague sagte es deutlich: "Die Abstimmung beim Eurovision Song Contest war glaubwürdiger und bedeutungsvoller als jene gestern in Donezk und Luhansk."

Dass die Abstimmung nicht anerkannt würde in Kiew, in Europa und den USA, war lange vorher klar. Ebenso wenig überraschend war die prompte, wenn auch nicht hart formulierte Anerkennung aus Russland, verbunden mit der Aufforderung, die Ergebnisse ohne Gewalt umzusetzen.

Wer geglaubt hatte, Wladimir Putin habe vor einigen Tagen eingelenkt mit seinem Aufruf an die Separatisten, das Referendum vorerst nicht abzuhalten, ist ihm gehörig auf den Leim gegangen. Er wollte damit vor allem seine Aussage untermauern, Russland habe mit den Entwicklungen in der Ostukraine nichts zu tun – seht ihr, die hören nicht auf mich. Es war weiter eine Täuschung, Putin wollte auch seine Truppen von der Grenze abziehen. Doch nichts dergleichen ist passiert.

Osten de facto verloren

Also muss man dieses Referendum ernst nehmen, denn es markiert einen Wendepunkt. Es belegt mehr noch als die Besetzung öffentlicher Gebäude und Straßensperren, dass Donezk und Luhansk für die Regierung in Kiew de facto bereits verloren sind. Die Macht dort haben Separatisten, denen inzwischen sogar die örtliche Polizei beispringt. Auch alle Bewohner, die nicht auf ihrer Seite stehen, müssen sich mit dieser Realität abfinden.

Viele der Menschen dort haben sich zwar von der Gewalt einschüchtern lassen, aber die Separatisten gewinnen auch wirklichen Zuspruch. Vielleicht lehnt immer noch die Mehrheit der Bevölkerung im Osten eine Abspaltung ab, wie unabhängige Umfragen mehrfach gezeigt haben. Doch heißt das nicht, dass sie deshalb die Regierung in Kiew unterstützen würden. Der Anti-Terror-Einsatz gegen die Aufständischen, der auch unschuldige Opfer fordert, hat eher noch zu dieser Spaltung beigetragen.

Dieses Chaos und den Verlust des staatlichen Gewaltmonopols in der Ostukraine hat Russland selbst mit angezettelt, in direktem Kontakt mit Separatisten wie durch massive Propaganda. Wer sich das klar macht, fragt sich schnell: Wie weit wird Putin noch gehen? Im Grunde ist schon das ein Eingeständnis: Von dem, was er bisher erreicht hat, wird kaum mehr etwas rückgängig zu machen sein.