Prorussischer Separatist in Donezk © Brendan Hoffman/Getty Images

ZEIT ONLINE: Die Lage verschärft sich in Donezk. Zwei Tage dauert schon die Offensive der Regierung. Werden die Separatisten noch von Russland unterstützt oder nicht mehr?

Andrei Kurkow: Ich bin sicher, dass mindestens die Hälfte von denen nach wie vor Unterstützung von Russland bekommt. Die anderen sind Kriminelle, die die Gelegenheit genutzt haben, um an Waffen ranzukommen. Jetzt plündern sie die Städte und setzen Gebäude unter Feuer wie den Sportpalast am Dienstag in Donezk. Aber natürlich behaupten sie immer noch, sie wären Separatisten, die edle Ziele haben, es gehe ihnen um  Freiheit und so weiter.

ZEIT ONLINE: Kann man dem russischen Präsidenten Wladimir Putin glauben, wenn er sagt, er würde die Präsidentschaftswahlen anerkennen und wolle keine Destabilisierung der Ukraine mehr?

Kurkow: Ich wäre da sehr vorsichtig. Zu Hundert Prozent kann man ihm nicht trauen, er hat schon so oft nicht die Wahrheit über das gesagt, was im Osten der Ukraine mithilfe Russlands vor sich geht. Er ist nach wie vor an der Destabilisierung der Ukraine interessiert.

Russland kontrolliert immer noch die Grenzen zu den Regionen, in denen die Separatisten aktiv sind, wie z.B. in Luhansk. Die Russen lassen da ganze Transporte mit Waffen durch. Es ist doch ganz klar, dass ohne Genehmigung der russischen Regierung das nicht möglich wäre. 

Es sieht aber so, als hätte Russland politisch einen anderen Ton angeschlagen. Früher hat Sergej Lawrow militärische Angriffe der ukrainischen Armee auf seine Leute als Völkermord bezeichnet.  Jetzt schweigt Moskau.

Der politische Druck aus Russland hat nachgelassen. Aber immer noch schickt dieses Land Kämpfer in die Ukraine. Neulich habe ich ein Interview auf CNN gesehen, in dem ein Soldat behauptete, er sei aus Südossetien gekommen, um zu kämpfen. Es gibt viele solcher Soldaten, die militärische Erfahrung haben zum Beispiel aus Tschetschenien.

ZEIT ONLINE: Unterstützt die im Osten lebende ukrainische Bevölkerung die Separatisten und befürwortet sie die Abspaltung dieser Region? 

Kurkow: Nein. Die Mehrheit der dort lebenden Menschen will endlich Ruhe haben und wünscht sich Ordnung. Sie verstehen auch, dass es wirtschaftlich katastrophale Folgen für sie haben wird, wenn sie unabhängig werden.

Schon jetzt haben die Leute in den von Separatisten besetzten Gebieten sehr große Probleme, sie bekommen seit Wochen keine Gehälter und haben keine medizinische Hilfe. Sie sind einfach müde von diesem Chaos. Immer öfter passiert so was wie neulich in Kramatorsk. Dort haben Frauen die Separatisten beschimpft und sie aufgefordert, endlich die Stadt zu verlassen.

ZEIT ONLINE: Ist die ukrainische Regierung imstande, die Kontrolle über diese Region zurückzugewinnen?

Kurkow: Das wird sich wahrscheinlich in den nächsten zwei Wochen zeigen. Es ist schwer zu sagen, wie lange es sich die Regierung noch leisten kann, diese Offensive in Donbas zu führen. Wenn das länger als einen Monat dauern wird, kann es sehr negative Folgen haben: Es wird mehr und mehr demoralisierte Soldaten und Einwohner geben. Und es wird schwieriger sein, die Lage zu kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Welchen Plan verfolgt Putin mit der Destabilisierung der Ukraine?

Kurkow: Ich glaube, sein Ziel war es, acht Regionen im Süden und Osten der Ukraine bis nach Odessa hin zu besetzen. Außerdem zielte er auf Transnistrien. Dieser Plan ist aber gescheitert. Dafür gab es keine große Unterstützung in der ukrainischen Bevölkerung und es sind nicht wirklich viele, die zu den Waffen gegriffen haben.

Die Separatisten haben mehr Waffen als Leute, die bereit wären sie zu nutzen. Das hat schon Igor Gyrkin gesagt (laut der ukrainischen Regierung und der EU ist Gyrkin ein pensionierter Oberst des russischen militärischen Nachrichtendienstes, der auch bei  der Krim-Annektierung dabei war, Anm. d. Red.). Er sagte, dass er Waffen für 27.000 Freiwillige habe, aber nicht mehr als Tausend Leute. Er war empört darüber, dass keiner kämpfen wolle.

In manchen Städten wie zum Beispiel Dnipropetrowsk gibt es überhaupt keine Leute, die für diesen russischen Plan kämpfen wollen.

ZEIT ONLINE: Wird der neu gewählte Präsident Petro Poroschenko die Lage in der Ukraine stabilisieren können?

Kurkow: Das werden wir in den zwei kommenden Wochen sehen. Es ist sehr wichtig jetzt Donbas zu stabilisieren. Wenn das Poroschenko dort gelingt, wird auch bald in anderen Regionen Frieden und Ruhe herrschen. Die Menschen wollen einfach diese Stabilisierung, damit sie weiter arbeiten können.

ZEIT ONLINE: Wird die Regierungskoalition unter Poroschenko durchhalten?

Kurkow: Bis jetzt sieht man keine Spaltungen. Poroschenko sagte schon, dass Arseni Jazenjuk Premierminister bleibt, Valentin Naliwajtschenko soll Innenminister und Mychajlo Kowal Verteidigungsminister bleiben.

Ob die Koalition durchhält, hängt von Julija Timoschenko ab. Man muss ihr einen Posten in der Regierung geben, damit sie nicht die Anführerin der Opposition wird. Zwar hat sie behauptet, sie würde auf der Seite von Poroschenko stehen, aber in Wirklichkeit ist sie unberechenbar. Sie ist dafür bekannt, dass sie Intrigen spinnt. Ich glaube, man darf ihr wenig Vertrauen schenken.

ZEIT ONLINE: Ist Poroschenko imstande, die Reformen in der Ukraine durchzusetzen und das Land zu verändern?

Kurkow: Ja, wenn er eine gemeinsame Sprache mit den Politikern aus allen Teilen der Ukraine findet. Aber er muss auch mit anderen Oligarchen klarkommen – mit Ihor Kolomojskyj und Rinat Achmetow. Von ihnen hängt zu großen Teilen ab, ob die Reformen und die Veränderung des Systems gelingen werden. Diese zwei sind wichtiger als die ganze Regierung.