Es gibt diese Momente, in denen selbst Wohlgesinnte an Julija Timoschenko verzweifeln. Als in Odessa bei Straßenschlachten zwischen ukrainischen Hooligans und prorussischen Randalierern 46 Menschen starben, kannte die einstige Ikone der demokratischen Opposition keine Opfer mehr, sondern nur noch Freund und Feind. Timoschenko sprach ohne jedes Mitgefühl von dem Versuch der Nationalisten, "administrative Gebäude zu schützen". In Wirklichkeit hatten unbekannte Täter das Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt. In den Flammen kamen Dutzende Moskautreue ums Leben. Moskautreue Menschen.

Timoschenko will bei der Wahl am kommenden Sonntag ukrainische Präsidentin werden. Sie setzt dabei auf eine Strategie der Kompromisslosigkeit. Schon früh im Wahlkampf positionierte sich die 53-Jährige mit antirussischen Ausfällen unversöhnlich. Über Kreml-Chef Wladimir Putin sagte sie am Telefon: "Gebt mir eine Waffe in die Hand, dann schieße ich diesem Drecksack persönlich in den Kopf." Das Gespräch wurde abgehört und veröffentlicht. Kann man diesen Hass verstehen? Zweieinhalb Jahre saß Timoschenko im Gefängnis, nach einem Unrechtsprozess, den der prorussische Präsident Viktor Janukowitsch steuerte. Sie litt in der Haft. Der Sieg der Maidan-Revolution im Februar brachte ihr die Freiheit. Ist sie mit dieser Vorgeschichte nicht die natürliche nächste Präsidentin der Ukraine? Hat sie nicht geradezu ein Anrecht auf die Führungsrolle in Kiew?

So mag die Frau selbst denken, die schon 2004 die demokratische Revolution in Orange anführte – und sich anschließend um die Früchte des Triumphes brachte, weil sie sich mit ihren Kampfgefährten überwarf. Nun droht Timoschenkos Lorbeer erneut vor der Zeit zu welken. In Umfragen liegt sie mit 5 bis 12 Prozent weit abgeschlagen hinter dem Oligarchen Petro Poroschenko, dem mehr als 30 Prozent Stimmenanteil prognostiziert werden. Ausgerechnet Poroschenko! Der 48-jährige "Schokoladenzar" ist einer jener Männer, mit denen sich Timoschenko in den Jahren nach 2004 heillos zerstritt – vielleicht deshalb, weil beide einen ähnlichen Weg gegangen waren. Im postsowjetischen Chaos der neunziger Jahre gelangten sie zu milliardenschwerem Reichtum und Einfluss – Timoschenko als "Gasprinzessin", Poroschenko als Produzent edler Süßwaren. Doch beide wollten mehr und schlossen sich 2004 den Revolutionären in Orange an.

Poroschenko sagt, was die Menschen hören wollen

Das Bündnis zerbrach früh. Timoschenko kämpfte unerbittlich um die Führungsrolle. Poroschenko kehrte den Orangenen schließlich den Rücken und schlug sich auf die prorussische Seite von Viktor Janukowitsch. Nach dessen Triumph über Timoschenko bei der Präsidentenwahl 2010 war Poroschenko Wirtschaftsminister – bis er Ende 2012 erneut die Seiten wechselte. Das war jene Zeit, als Timoschenko im Gefängnis saß und Janukowitsch mit der EU einen "Stellungskrieg" um die EU-Assoziierung führte. Aber es war auch jene Zeit, als sich der Schokoladenzar als Abgeordneter und Medienunternehmer endgültig eine eigene Hausmacht aufbaute, die er bei den Maidan-Protesten für sich nutzte. Er finanzierte die Revolutionäre und gab ihnen über den oppositionellen "Kanal 5" im Fernsehen Gesicht und Stimme.

All das macht Poroschenko nun zum Favoriten im Präsidentschaftsrennen. Er wirbt mit der Losung "Auf neue Weise leben" für einen grundlegenden Wandel in der Ukraine. Das mag wenig glaubwürdig sein angesichts von Poroschenkos Vergangenheit als politisches Chamäleon. Aber es ist das, was die Menschen im Land hören wollen, die auf dem Maidan vor allem gegen Niedertracht und Korruption der postsowjetischen Eliten auf die Straße gegangen sind.

Abstimmung unter extremen Bedingungen

Poroschenkos Kampagne hat noch einen zweiten großen Vorteil. Es ist ihm gelungen, sich früh die Unterstützung anderer einflussreicher Politiker zu sichern. Allen voran gab der einstige Liebling des Westens, der Boxer Vitali Klitschko, seine Kandidatur zugunsten Poroschenkos auf.

Und doch ist längst nicht alles entschieden bei dieser Wahl, die unter extremen Bedingungen stattfindet. Im Osten der Ukraine halten noch immer schwer bewaffnete prorussische Separatisten Regierungsgebäude besetzt. In den Gebieten Donezk und Luhansk haben sie "souveräne Volksrepubliken" ausgerufen und drohen, den Urnengang am Sonntag zu sabotieren. Gewalt gegen die Organisatoren und im Zweifel auch gegen Bürger, die ihr Stimmrecht wahrnehmen wollen, ist zumindest nicht auszuschließen.