Es ist in diesen Tagen genau 25 Jahre her, dass der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das "Ende der Geschichte" verkündete; den weltweiten Triumph der demokratischen Idee und des liberalkapitalistischen Wirtschaftens. Selten ist eine These von der Wirklichkeit so schnöde dementiert und demontiert worden. Zwar ist die kommunistische Welt untergegangen und die Sowjetunion zerfallen, doch die Geschichte geht weiter, wie sie weitergehen wird, solange die Menschheit existiert. Und derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich Fukuyamas Prophezeiung am Ende bewahrheiten. Mehr spricht dafür, dass in weiten Teilen der Welt ein System zum Zuge kommt, das die Vorzüge der Marktwirtschaft mit der harten Hand der Diktatur verbindet.

Mit dem Ende des Kalten Krieges, so dachten viele, sei auch das Denken in der Begriffswelt der Geopolitik überwunden: das Streben nach Raumhoheit im globalen oder auch nur im regionalen Rahmen. Die Deutung der Weltpolitik als Nullsummenspiel, wonach der Gewinn der einen Seite stets einen Verlust der anderen Seite bedeutet, kam aus der Mode. Von "gemeinsamer Sicherheit" war nun die Rede. Nur noch um Märkte schien es fortan zu gehen, nicht mehr um Territorien; um kommerziellen Wettbewerb, nicht mehr um Staatenkonkurrenz; um Kommunikation, nicht mehr um Konfrontation.

Auch dies erwies sich als falsches Denken. Die Wiederkehr der Geschichte war flankiert von der Rückkehr der Geopolitik. Spätestens die Ukraine-Krise rief uns mit Macht wieder ins Bewusstsein, worum es – trotz aller idealistischen, ideologischen, propagandistischen Verbrämung – in der Staatenwelt geht: um Macht und Machtprojektion, um Einfluss und Status, schließlich um Abgrenzung oder Erweiterung. Es ist schon ziemlich einfältig, diese Grundtatsache als überholtes Denken des 19. und 20. Jahrhunderts abzutun. Sie hat zu allen Zeiten gegolten, und sie wird auch weiterhin Geltung haben. Das "posthistorische Zeitalter" lässt auf sich warten.

Russland und China sind wieder da

Wir hätten es wissen können. "Der Westen hätte nie erwarten dürfen, dass die altmodische Geopolitik je verschwindet", schreibt der amerikanische Historiker Walter Russell Mead. "Er verkannte total, was der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete: den Triumph der liberalen kapitalistischen Demokratie über den Kommunismus, nicht jedoch die Überholtheit harter Macht." Der Unilateralismus des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, seine missionarischen Kriege und seine kaltschnäuzige Hintansetzung der Verbündeten war ja in der Tat auch nichts anderes als ein Streben nach weltweiter Vorherrschaft. Ein geschwächtes Russland und ein völlig mit seinem wirtschaftlichen Aufstieg beschäftigtes China hatten ihm nichts entgegenzusetzen. Jetzt aber weht in Moskau wie in Peking ein anderer Wind. Russland und China sind im weltpolitischen grand game wieder mit von der Partie.

Noch ginge es zu weit, den Russen und Chinesen Revanchismus vorzuwerfen. Wohl aber darf man sie des Revisionismus bezichtigen. Beide rütteln am Status quo. Die Russen tun es in dem Gebiet, das sie gern ihr "nahes Ausland" nennen; in Georgien samt Südossetien und Abchasien schon seit Jahren, aber auch in Moldawien, Bergkarabach – und nun in der Ukraine. Die Chinesen versuchen es mit Macht im Pazifik, im Südchinesischen Meer. Dort beansprucht Peking auf einer den Vereinten Nationen 2009 überreichten Karte ein durch die soegannte Neun-Strich-Linie gekennzeichnetes, eine Million Quadratkilometer großes Seegebiet, auf das auch Vietnam, Malaysia, die Philippinen und Brunei Anspruch erheben; außerdem erhöht es im Streit mit Japan um die Senkaku/Diaoyutai-Inseln ständig den Einsatz.

Krim-Annexion nicht mehr umkehrbar

Die Russen nehmen dabei wie die Chinesen in Kauf, dass sie mit ihrem brachialen Vorgehen genau das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich anstreben. Im Pazifik flüchten sich von Amerikas einstigem Kriegsgegner Vietnam über Malaysia und die Philippinen bis hin zum lange Zeit abdriftenden Japan alle wieder unter den US-Schutzschirm. In der Ukraine aber gibt Putins Politik den Pro-Westlern mächtigen Auftrieb – und in ganz Europa wird Russland, wo nicht schon wieder als Gegner, auf jeden Fall nicht länger als vertrauenswürdiger Partner gesehen.

Im Fernen Osten fällt die Aufgabe, Chinas Drang zum Ausgreifen einzudämmen, den Amerikanern zu. An den östlichen Grenzen der EU sind vor allem die Europäer gefordert. Sie werden sich dabei sowohl vor schwächlicher Gleichgültigkeit wie vor gefühlsgetriebenem Überreagieren hüten müssen. Und sie sollten dabei sorgfältig zwischen der Krim und der Ostukraine unterscheiden.

Die Annexion der Krim wird, machen wir uns da nichts vor, nicht rückgängig zu machen sein, mag sich der Westen noch so lauthals darüber empören. Geschichte, Sprache, Kultur haben die Halbinsel seit Jahrhunderten russisch geprägt. Schon bei der Volksabstimmung vom Dezember 1991 stimmten nur 54 Prozent der Inselbewohner für die ukrainische Unabhängigkeit; das war der niedrigste Prozentsatz in der ganzen Ukraine. Auch ist Kiew an der Entwicklung zum Chaos nicht ganz unbeteiligt: Als im Februar die neue ukrainische Regierung gebildet wurde, in der lauter Leute saßen, die 2010 gegen die Verlängerung des Vertrages gestimmt hatten, der den Russen Sewastopol als Heimathafen ihrer Schwarzmeerflotte bis zum Jahre 2042 einräumt, schwante einigen Kennern gleich, dass Putin sich dies nicht gefallen lassen werde. Seine Sorge galt nicht so sehr den ethnischen Russen auf der Krim als vielmehr der Sicherung des strategisch wichtigen Marinestützpunktes.

Die übrige Ukraine ist freilich etwas ganz anderes. Wie wird Putin das Wahlergebnis vom Sonntag aufnehmen? Wird er die Donbass-Separatisten weiter unterstützen, ihre selbst ernannten Republiken heimholen ins russische Reich? Wird er wirklich kalkulieren, dass er von einer Konfrontation mit Amerika und der Europäischen Union mehr zu gewinnen hat als von einträchtiger Kooperation? Und an seiner Westgrenze bedrohliche Truppenkonzentrationen und Manöver fortsetzen?

Es wäre eine Überreaktion, jetzt schon nach permanenter Stationierung von Nato-Truppen in Osteuropa zu rufen, nach Wiedereinführung der Wehrpflicht, nach einer Erhöhung der Verteidigungsbudgets. Aber verstärkte Überwachungsflüge, auch gelegentliche Manöver mit zeitweise eingeflogenen Nato-Einheiten und eine sichtbare Belebung der Nato Response Force sind vertretbare Vorsichtsmaßnahmen. Indes sollte Europa es da nicht bloß den Amerikanern überlassen, einige Warnzeichen zu setzen.

Überhaupt muss es wieder Geopolitik lernen, Gleichgewichtsstrategie, Machtdenken. Die Welt sortiert sich gerade neu. In Shanghai hat Putin vergangene Woche Obamas Schwenk nach Asien nachvollzogen; der auf 30 Jahre angelegte Milliarden-Gas-Deal mit China läutet eine neue Ära ein. Im Mittleren Osten pendelt sich die Kräftebalance neu ein. In Japan wie in Indien denkt eine neue Führungsgeneration wieder in Kategorien militärischer Stärke. Die Friedensmacht Europa kann davor nicht einfach die Augen verschließen. Es ist höchste Zeit, dass es sich auf eine gemeinsame Strategie, eine koordinierte Beschaffungspolitik und eine ernstzunehmende Truppenaufstellung für alle Fälle verständigt – in anderen Worten: auf eine europäische Armee.