Sie hatten bis zur letzten Minute mit einem Freispruch gerechnet. Die Al-Jazeera-Journalisten Peter Greste, Mohamed Fahmy und Baher Mohammed wirkten optimistisch, als sie an diesem Morgen zur Urteilsverkündung in den Käfig der Angeklagten in einem Kairoer Gerichtssaal geführt wurden. Dann verlas Richter Mohamed Nagy das Urteil: sieben Jahre Haft für Greste, Fahmy und Mohammed wegen "Verbreitung falscher Nachrichten" und "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung", womit die Muslimbruderschaft gemeint ist. Mohammed erhielt zusätzlich drei Jahre Gefängnis wegen "Besitzes unerlaubter Munition".

Im Saal, so twitterten Reporter im Zuschauerraum, brach Chaos aus. Der Australier Greste schlug gegen das Käfiggitter. Die Angehörigen von Fahmy, der sowohl die kanadische als auch die ägyptische Staatsbürgerschaft hat, brachen in Tränen aus. Fahmy selbst wurde schließlich von Polizisten aus dem Saal geschleift.

Für die Angeklagten und ihre Familie ist das Kairoer Urteil eine Katastrophe, für den US-amerikanischen Außenminister John Kerry eine schallende Ohrfeige. Kerry hatte den frisch gewählten Präsidenten Sissi am vergangenen Wochenende besucht – mit der Nachricht, dass Washington die Wirtschafts- und Militärhilfe samt Apache-Kampfhubschrauber wieder frei gibt, die es nach dem Sturz Mursis und der staatlichen Gewalt gegen seine Anhänger blockiert hatte. In den Gesprächen in Kairo hatte Kerry seine Besorgnis über den Prozess gegen die Al-Jazeera-Journalisten ausgedrückt. Viel Eindruck hat das offenbar nicht gemacht.

Politische und juristische Hetzjagd

Davon abgesehen wollte Kerry aber Fortschritte bei der Lage der Menschenrechte in Ägypten erkannt haben. Da hatte er offenbar noch nicht die aktuelle Recherche von Amnesty International und der britischen Tageszeitung The Guardian gelesen, die ein geheimes Foltergefängnis des Militärs aufgedeckt haben. 

Das Urteil im Al-Jazeera-Prozess ist ein weiterer Höhepunkt einer politischen und juristischen Hetzjagd. Sie richtet sich mit geradezu exorzistischem Eifer gegen die Muslimbrüder, Ägyptens größte islamistische Organisation, die mit Mohammed Mursi kurzzeitig den ersten frei gewählten Präsidenten stellten. Seit dessen Sturz im vergangenen Sommer, sind Hunderte seiner Anhänger durch oft gezielte Gewalt von Armee und Polizei getötet worden, mindestens 16.000 Menschen sind in Haft. Erst am Wochenende hatte ein ägyptisches Gericht wider Erwarten die Todesurteile gegen mehr als 180 Islamisten bestätigt. 

Die Jagd richtet sich auch gegen deren tatsächliche oder vermeintliche Unterstützer, zu denen in Kairo der Sender Al Jazeera gerechnet wird, dessen Finanzier, das Scheichtum Katar, wichtigster Sponsor der Bruderschaft war. 

Wir brauchen keine Beweise, das ist die Botschaft

Und sie richtet sich gegen Journalisten, die Kritik an Justiz, Armee und den Sicherheitsdiensten wagen – jenen alten und neuen Stützen des frisch gewählten Präsidenten und Ex-Armeechefs Abdel Fattah al-Sissi. Dieses Urteil, sagte der Prozessbeobachter für Amnesty International, Mohamed Lotfy, "ist eine Warnung an alle Journalisten, dass ihnen ein ähnlicher Prozess für die Ausübung ihrer Arbeit gemacht werden kann". 

Diese Drohung wurde umso deutlicher, als die Staatsanwaltschaft das Fehlen jeglicher Beweise gegen die Angeklagten nicht etwa kaschierte, sondern demonstrativ zur Schau stellte. Keinem der drei Reporter waren irgendwelche Verbindungen zur Muslimbruderschaft nachzuweisen. Alle drei sind professionelle international angesehene Journalisten, die bei der BBC, bei CNN und Asahi Shimbun gearbeitet hatten, bevor sie zum englischen Kanal von Al Jazeera wechselten. In den beschlagnahmten Materialien befand sich nichts Belastendes, was die Ankläger nicht davon abhielt, tagelang sinnloses Bildmaterial im Gericht zu präsentieren – von Filmen über Tiere bis zu Urlaubsfotos der Angeklagten. 'Seht her', so die Botschaft an die nationale wie internationale Öffentlichkeit, 'wir müssen uns nicht einmal um den Anschein von Beweisen scheren.'