Ein senegalesischer Polizist bewacht einen Lastwagen mit Kokain (Archiv) © Finbarr O'Reilly/Reuters

Als im Juli 2008 etwa 700 kg Kokain an Bord einer aus Venezuela gelandeten Cessna auf dem internationalen Flughafen von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, gefunden wurden, war das in vielen internationalen Medien ein Thema. Der Fund war ein Indikator für den zunehmenden Transit von Drogen aus Südamerika über Westafrika nach Europa. Um überhaupt ein angemessenes Verfahren gegen die Verdächtigen durchführen zu können, musste in Sierra Leone zunächst einmal ein neues Gesetz verabschiedet werden.

Ähnlich unvorbereitet sind die meisten Staaten der Region. Handlungsdruck kam bislang zumeist von außen, da sich viele Länder als Transitgebiete nicht wirklich von der Drogenproblematik betroffen fühlten. Zwar wird in der Region seit Langem Cannabis angebaut und konsumiert, ein Absatzmarkt für Kokain und Heroin dagegen war lange Zeit praktisch nicht existent. Zudem geht der Drogenschmuggel anders als in Zentralamerika bislang kaum mit massiven Gewaltausbrüchen einher. So wird er von vielen Entscheidungsträgern nicht als westafrikanisches Problem gesehen.

Doch das könnte sich nun ändern. Die West Africa Commission on Drugs (WACD) unter Vorsitz des ehemaligen nigerianischen Präsidenten Obasanjo hat in ihrem soeben erschienenen Bericht Not Just in Transit. Drugs, the State and Society in West Africaals erste grenzüberschreitende Initiative aus der Region deutlich die Folgen des Transits für Westafrika benannt. Besonders schwer wiegt danach zum einen der zunehmende Konsum von Kokain, Heroin und Methamphetaminen, den Experten besonders unter Jugendlichen wahrnehmen. Zum anderen wird die Verwicklung staatlicher Akteure in den Drogenschmuggel als gravierendes Problem benannt.

Entkriminalisierung statt Drogenkrieg

Die Kommission warnt jedoch davor, den Problemen mit einem Drogenkrieg, der vor allem auf Repression setzt, zu begegnen. Dieser könne, wie das Beispiel Lateinamerika zeigt, die Situation eher noch verschärfen. Der steigende Gebrauch harter Drogen in Westafrika sei, so die Kommission, kein Fall für die Strafjustiz, sondern müsse als Gesundheitsproblem behandelt werden. Entsprechend sollten Drogenkonsum und kleinere Delikte entkriminalisiert und Bemühungen der Strafverfolgung auf höherrangige Tätergruppen konzentriert werden.

Tatsächlich finden sich in den Gefängnissen vieler westafrikanischer Staaten eher kleine Dealer oder Konsumenten und kaum Drogenbosse und Hintermänner. Diese werden selbst nach einer Festnahme nur selten verurteilt. Da die teilweise unverhältnismäßig langen Haftzeiten bei kleineren Verstößen negative Auswirkungen auf die meist jugendlichen Konsumenten haben, sollten aus Sicht der WACD stattdessen Therapie- und Präventionsprogramme sowie Maßnahmen der Schadensminimierung etwa zur Verhinderung von HIV-Infektionen Vorrang haben.

Damit den Vorschlägen der Kommission Taten folgen können, bedürfte es in erster Linie der politischen Handlungsbereitschaft in der Region. Diese aber ist laut Kofi Annan, dessen Stiftung die WACD einsetzte, bei den meisten westafrikanischen Regierungen wenig ausgeprägt.

Staatlicher Komplizenschaft entgegentreten

Ein Grund für deren zögerliche Haltung dürfte der zweite identifizierte Problembereich sein: die Verwicklung staatlicher Akteure in den Drogenhandel. Es gehört zu den großen Verdiensten der Kommission, diesen Aspekt unverblümt zu benennen. In Europa und den USA wird oft der Profit von Terrorgruppen aus dem Drogenhandel als Kern des Problems in der Region dargestellt, besonders in Ländern wie Mali. Tatsächlich ist das schwerwiegendere Phänomen die Beteiligung von teilweise hochrangigen Offiziellen an Drogengeschäften, darunter Vertreter der Sicherheitsorgane und Gerichte.

In die Affäre am Flughafen von Freetown beispielsweise waren neben dem Cousin des Transportministers auch Mitarbeiter der Polizei und der Flughafenbehörde verwickelt. Der WACD-Bericht allein listet Beispiele aus neun weiteren Staaten der Region auf. Dabei geht es sowohl um die Bestechung von Personen in Politik und Administration, die im Gegenzug den Drogenhandel decken als auch um die direkte Mitwirkung staatlicher Akteure in kriminellen Netzwerken. Eine solche Verwicklung Offizieller führt dazu, dass eine wirkungsvolle Strafverfolgung behindert wird und dass kriminelle Netzwerke zunehmend politischen Einfluss ausüben. Die ohnehin meist schwache staatliche Legitimität wird so noch weiter untergraben. Vordringliche Aufgabe ist es daher laut WACD-Bericht, die Korruption zu bekämpfen sowie Schwachstellen im System, zum Beispiel bei der Finanzierung von Parteien und Wahlkampagnen, zu beseitigen.