Ein guter Hashtag ist Gold wert. Unter dem Stichwort #Bringbackourboys twittern viele Israelis über die drei Jugendlichen, die vergangene Woche in der Westbank entführt wurden. Eine Facebook-Seite mit dem gleichen Titel hat mittlerweile mehr als 100.000 Fans. Und die israelische Armee macht fleißig mit bei der Kampagne, die ganz bewusst an eine der größten politischen Social-Media-Wellen der jüngsten Vergangenheit erinnert: Mit #bringbackourgirls solidarisierten sich weltweit Menschen mit den Entführungsopfern der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. 

Doch der Vergleich ist schief und nutzt nur politischen Zwecken. Denn dem israelischen Militär geht es um mehr als um die Suche nach den vermissten Jugendlichen. Längst hat sich die Rückholaktion zur größten Militäroffensive im Westjordanland seit Jahren entwickelt. 800 Häuser wurden durchsucht, 240 Personen festgenommen und mindestens ein Palästinenser getötet. Das ist völlig unverhältnismäßig. Die israelische Regierung nutzt die vermeintliche Entführung unverhohlen zu einer Kampagne gegen die Hamas. Das eigentliche Ziel: die Organisation diplomatisch zu delegitimieren und militärisch so hart zu treffen, wie es geht.

Der Hashtag täuscht eine humanitäre Harmlosigkeit vor, die mit der Realität nichts zu tun hat. Wie in Nigeria sind auch diesmal unschuldige Schüler die Opfer, wieder sind die Täter vermutlich Islamisten. Trotzdem ist #bringbackourboys nicht #bringbackourgirls. Die Schüler kamen aus einer Siedlung und hielten sich in einem Gebiet auf, das völkerrechtswidrig besetzt ist. Natürlich ist die Entführung zu verurteilen und der Aufruhr, den sie in Israel ausgelöst hat, ist verständlich. Doch der Vergleich ignoriert die Machtverhältnisse in Nahost.

Eine andere Parallele passt viel besser, auch wenn sie für die israelische Regierung unbequemer ist: Seit zwei Monaten befinden sich über hundert palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen im Hungerstreik. Möglicherweise ist die Entführung ein Versuch, diese Gefangenen freizupressen. Die Hungerstreikenden protestieren unter anderem gegen die sogenannte Verwaltungshaft, die es der israelischen Militärverwaltung erlaubt, Palästinenser zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren, ohne Verurteilung oder einen Prozess. Man könnte diese Regelung als Legitimation für Entführungen durch die israelische Regierung bezeichnen. So wie auf der anderen Seite die drei Jugendlichen vermeintlich von der Hamas entführt wurden, die Teil der palästinensischen Regierung ist.

Der Verweis auf Boko Haram führt also nur in die Irre und lenkt von den Motiven der Akteure vor Ort ab. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kann die Entführung politisch gleich mehrfach für sich nutzen. Er kann Stärke zeigen, die Palästinenser spalten und die internationale Gemeinschaft wieder auf die Seite Israels ziehen. Zuletzt sah es nicht gut aus für ihn: Einhellig wie selten verurteilte die internationale Öffentlichkeit die israelische Regierung, an dem Abbruch der Friedensgespräche schuld zu sein. Dann wurde auch noch Netanjahus Rivale Reuven Revlin zum Präsidenten gewählt. Netanjahus größte Niederlage war jedoch die Bildung einer Einheitsregierung von Hamas und Fatah. Es war ein wenig beachtetes diplomatisches Kunststück der Palästinenser, dass weder die USA noch die Europäische Union dagegen protestierten.

Noch gibt es keinen Beweis dafür, wer hinter der Entführung steckt. Sollte die Hamas tatsächlich verantwortlich sein, hat sie sich die internationale Anerkennung als politische Kraft, die durch die Einigung mit der Fatah plötzlich nahe schien, verspielt. Den palästinensischen Bemühungen um Unabhängigkeit hätte die Hamas damit größtmöglichen Schaden zugefügt. Israel aber tut es durch seine Militäroffensive schon jetzt. Auch wenn sie es durch eine vermeintlich harmlose Hashtag-Kampagne zu kaschieren versucht.