Mit Blick auf die eigenen Interessen, den Frieden und die wirtschaftliche Stabilität in Europa, sowie auf geopolitische Erwägungen ist es für Europa höchste Zeit, seine Beziehungen zu den USA neu zu definieren.

Europa war schon immer schlecht in der Verfolgung der eigenen Interessen. Aber seine klare Mitschuld an und der anschließende Umgang mit der Krise in der Ukraine können nur auf eine Weise gedeutet werden: Angesichts der wachsenden Herausforderungen, mit denen sich die Europäische Union konfrontiert sieht, haben die europäischen Staats- und Regierungschefs das Ziel einer vereinten und starken EU mit einer unabhängigen Außenpolitik aufgegeben, um sich stattdessen einer Strategie made in Washington zu unterwerfen.

Bereits einige Kommentatoren haben zu Recht darauf hingewiesen, dass Amerikas strategische Ziele in Bezug auf die Ukraine schon im Jahr 1998 klar vom ehemaligen US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski formuliert worden sind. In seinem Buch The Grand Chessboard schrieb Brzezinski: "Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr (...) Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden."

Angst vor europäischer Annäherung an Russland

Im selben Buch warnte Brzezinski aber auch vor der "Möglichkeit einer großen europäischen Neuorientierung, die entweder eine deutsch-russische Absprache oder eine französisch-russische Entente zur Folge hätte." Besonders gefährlich, so Brzezinski weiter, wäre eine "europäisch-russische Übereinkunft (…), die Amerika vom Kontinent ausschlösse." Die sich in diesen Aussagen widerspiegelnde Angst vor einem Zusammenwachsen Europas und Russlands hat angloamerikanische Strategen schon seit der Zeit des britischen Empire und der in 1904 durch Sir Halford Mackinder formulierten Heartland-Theorie geprägt. Und anscheinend tut sie es auch heute noch.

Hinter dem Wunsch, die Ukraine in euro-atlantische Strukturen zu integrieren und eine enge europäisch-russische Partnerschaft zu verhindern, verbirgt sich aber eine noch viel weitreichendere Grand Strategy, welche die USA seit dem Ende des Kalten Krieges verfolgt haben und die auf die Globalisierung der westlich geprägten liberalen Ordnung sowie die Globalisierung der US-Hegemonie zur Sicherung dieser Weltordnung abzielt.

Europa fällt in dieser Strategie die Rolle zu, "Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent" zu sein. Da sich, so Brzezinski, "mit jeder Ausdehnung des europäischen Geltungsbereichs automatisch auch die direkte Einflusssphäre der Vereinigten Staaten" erweitert, ist Europa von zentraler geostrategischer Bedeutung für die USA und der wichtigste Befähiger Amerikas hegemonialer Bestrebungen. Aus demselben Grund drängen die USA auch weiterhin auf die fortlaufende Nato-Erweiterung, beides mit besonderem Augenmerk auf die Einflusszone der ehemaligen Sowjetunion.