Dies wirft die Frage auf, ob Europas Politiker und führende Strategen diese amerikanische Strategie, und die für Europa darin zugedachte Rolle, befürworten. Man kann nur hoffen, dass dem nicht so ist, denn weder die US-Politik gegenüber der Ukraine und Russland noch Amerikas Grand Strategy als solche sind im Interesse Europas, des Weltfriedens, oder konform mit den Realitäten einer sich schnell verändernden Welt.

Diese Strategie erreicht lediglich, Russland und den Iran noch weiter in die Arme Chinas und einer von China angeführten antihegemonialen, antiwestlichen Allianz hineinzudrängen. Eine chinesisch-russisch-iranische Allianz würde den Westen dazu zwingen, eine noch aggressivere Außenpolitik zu betreiben, um seinen Zugang zu wichtigen, aber schwindenden Rohstoffen wie Öl, Gas und seltenen Erden zu sichern – und somit die sich ohnehin schon häufenden Gefahren für den Weltfrieden weiter zuspitzen.

Es wäre um einiges einfacher, die Sicherung westlicher Energie- und Sicherheitsinteressen durch den Aufbau einer auf gegenseitigem Respekt basierenden und für beide Seiten vorteilhaften strategischen Partnerschaft mit Russland (und mit dem Iran) anzustreben, anstatt weiter darauf abzuzielen, Russland westlichen Interessen und Strukturen zu unterwerfen.

Strategischer Fehler Osterweiterung

Die Entscheidung, durch eine fortschreitende EU- und Nato-Erweiterung den westlichen Einflussbereich nach Osten auszudehnen, statt eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa in Kooperation mit Russland zu konzipieren, war der schwerwiegendste strategische Fehler des Westens seit dem Ende des Kalten Krieges.

Es wird oftmals argumentiert, dass Europa, und insbesondere Deutschland, sich zwischen einer proatlantischen und prorussischen/eurasischen Ausrichtung entscheiden müsse. Dem ist ganz und gar nicht so. Europa sollte seine Außenpolitik nicht auf Basis emotionaler Freund- und Feindbilder gestalten, sondern auf der einer nüchternen Interessenpolitik.

Das erste Gebot einer solchen europäischen Interessenpolitik muss es sein, eine Art europäischen Nationalstaat zu schaffen. Denn ohne so einen handlungsfähigen europäischen Staat kann sich Europa in einer Welt globalisierter Finanzinteressen und wiedererstehender Großmächte nicht länger behaupten oder seine Interessen langfristig sichern.

Nicht ohne Russland

Eine europäische Interessenpolitik verlangt es natürlich auch, dass Europa an dem Erhalt und sogar an der Vertiefung eines einheitlichen und starken Westens gelegen ist. Sie verlangt mit Blick auf die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen Europas und wichtiger geopolitischer Erwägungen aber außerdem den Erhalt und die Vertiefung von Europas Beziehungen zu Russland. Und sie verlangt, zu guter Letzt, dass Europa seine eigenen Interessen auch gegen Freunde, wie die USA, viel deutlicher vertritt (wie es die USA ja auch tun) und diesen Freunden, wenn nötig, auch klar ihre Grenzen aufzeigt.

Angesichts der großen Bedeutung Europas für Amerikas Rolle in der Welt sollte es sich genau dieses Druckmittels bedienen, um die transatlantischen Beziehungen neu zu definieren und seine eigenen Vorstellungen für die Zukunft des Westens und dessen Beziehungen zu Russland zur Basis einer neuen und zukunftsträchtigeren transatlantischen Grand Strategy zu machen.