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Für einen kurzen Moment war der Alte fast allen etwas peinlich. Er, der Parteigründer und heutige Ehrenvorsitzende, hatte dem jüdischen Sänger Patrick Bruel mit einer "Ofenladung" gedroht – sollte dieser nicht aufhören, den Front National zu kritisieren. Diese Formulierung von Jean-Marie Le Pen hatte frankreichweit empörte Reaktionen ausgelöst. "Eine Dummheit", empörte sich sogar Parteifreund und Vize-Chef der FN, Louis Alliot.

"Ein politischer Fehler" wäre ihm da passiert, kritisierte auch Parteichefin Marine Le Pen und ließ das Video ihres Vaters mit dem betreffenden Zitat von der Website löschen.

Tatsächlich aber ist das Verhalten und die Wortwahl typisch für viele in der Partei. Auch Le Pens Stellvertreter und eben wiedergewählter EU-Abgeordnete aus Lyon, Bruno Gollnisch, fiel schon mehrfach durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust auf. Man habe ein "Recht", die Opferzahlen von Auschwitz "zu diskutieren", hatte er 2004 verlautbart und erklärt, "über die Existenz von Gaskammern müssen Historiker entscheiden". Ende vorigen Jahres luden er und der alte Le Pen neue Kritik auf sich, als sie den sogenannten Quenelle-Gruß, die charakteristische Geste des offen antisemitischen Künstlers Dieudonné, imitierten.

Elf Rathäuser erobert

"Die Politiker der Front National stammen aus der Welt von gestern", sagt der französische Politikwissenschaftler Jean-Yves Camus ZEIT ONLINE. Laut dem Rechtsextremismus-Experten müsse man insbesondere die neu gewählten Front-National-Bürgermeister genau beobachten. Bei den Kommunalwahlen Ende März hatte die Partei insgesamt elf neue Rathäuser vor allem im Norden und Süden des Landes erobert. Vier Rathäuser, in denen sie bereits den Bürgermeister stellten, konnte sie verteidigen, vier Städte verlor sie allerdings auch wieder.

Offenbar hatte die Partei aber so ihre Schwierigkeiten, die Listen für die Kommunalwahlen voll zu bekommen. In Orléans war ein Ehepaar in den Neunzigern, bei dem die Frau an Alzheimer erkrankt ist, ohne ihr Wissen als Kandidaten aufgenommen worden. Ähnliche Fälle von unfreiwilligen Kandidaturen gab es auch in anderen Regionen. Im nordfranzösischen Grand-Quevilly hatte man beispielsweise einem Dutzend Front-National-Kandidaten vorgegaukelt, lediglich eine Petition zu unterschreiben. 

Doch nicht nur mit Rentnern und Ahnungslosen füllte man die Listen auf, sondern auch mit Rechtsextremen. Im südfranzösischen Béziers holte sich der von der Front National unterstützte Bürgermeister Robert Ménard einen bekannten Neonazi als Personalchef. Mit André-Yves Beck gewann er ein Mitglied der inzwischen verbotenen Neonazi-Vereinigung "Dritter Weg".

Lokale Verflechtungen zu Rechtsextremen

Mittlerweile hat sich die Front-National-Führung von ihrem Kandidaten distanziert, die Posten behält sie dennoch. Der Forscher Camus findet das scheinheilig, schließlich sei der Partei das Umfeld Ménards "bestens bekannt" und somit der Skandal "vorhersehbar" gewesen. Der Politikwissenschaftler kritisiert zudem die vielen lokalen Verflechtungen zur rechtsextremen Kleinpartei "Identitärer Block". Obwohl auf nationaler Ebene keine Zusammenarbeit stattfindet, nahm die Front National Hunderte "Identitäre" auf ihre Listen für die Kommunalwahlen auf. In der Lyoner Vorstadt Chassieu setzte die Partei einen "Identitären" sogar auf den ersten Listenplatz.

Laut Camus zeigt sich diese Kleinpartei mit Sitz in Nizza "feindlich gegen jede Form der Integration und gegen die Präsenz des Islams auf französischem Boden". Aus diesem Grund präsentierte der französische Innenminister den "Identitären Block" im vorigen Jahr auch als Kandidaten für ein Verbotsverfahren. Camus bewertet eine derart enge Kooperation daher als "sehr gefährlich" für die FN, da diese das neue bürgerliche Image gefährde.