Man hört das Seufzen schon wieder. Ach, so schlecht ist es vielleicht doch nicht mit den Diktatoren im Nahen Osten. Sie halten wenigstens die Islamisten nieder, sie bekämpfen Mördertruppen wie Isis, sie sorgen für Stabilität und Ordnung in einer von Stammeskämpfen und Konfessionsrivalitäten zerrissenen Region. Leider habe der Westen, so geht die Argumentation weiter, die Diktatoren fallen lassen oder gestürzt. Deshalb würden nun Dschihadisten im Nahen Osten expandieren.

Dieses Argument ist grundfalsch, weil es die Ursachen des Aufstiegs von Dschihadisten verkennt und die schlimmen Nachwirkungen der nahöstlichen Diktaturen verniedlicht.

Der Aufstieg von Isis geht nämlich in der nahöstlichen Realität auf das Konto der Diktatoren und all jener, die sie unterstützt haben. Der syrische Diktator Baschar al-Assad und der irakische Herrscher Nuri al-Maliki, tragen die Hauptverantwortung. Isis ist aus der Terrorgruppe von Abu Mussab al-Sarkawi hervorgegangen. Sie konnte sich im Irak  breit machen, weil die Amerikaner 2003 und in den Jahren danach das Land eroberten. Sie zerstörten den irakischen Staat und seine Institutionen. Die Amerikaner bekämpften Sarkawi allerdings ab 2007 sehr effizient. Sie schlossen ein Bündnis mit den sunnitischen Stammesfürsten im Irak, die sich dann gegen Sarkawi richteten. Danach war die Terrorgruppe marginalisiert, viele ihrer Mitglieder tot oder in irakischen und syrischen Gefängnissen.

Erst Baschar al-Assad hat sie wiederbelebt. Um die verhasste, von den Golfstaaten unterstützte, Opposition gegen ihn zu demontieren, ließ er viele Terroristen und Banditen aus den Gefängnissen frei. Diese bauten in Syrien Isis neu auf. Assads Truppen bombardierten nur die Opposition, die Isis aber ließen sie gewähren. Assads Plan ging auf: Schließlich bekämpfte Isis die Opposition und nahm ihnen eine Stadt nach der anderen ab. 

Nebenan im Irak bekämpfte der schiitische Neo-Autokrat Maliki mit allen Mitteln die sunnitischen Stämme. Er säuberte die Regierung in Bagdad von Sunniten, ließ Todesurteile gegen ihre Führer verhängen. So trieb er sie den Isis-Milizen in die Arme. Ohne Malikis autoritären Radikalkonfessionalismus ist der Aufstieg von Isis im Irak nicht zu verstehen.

Das Resultat: Instabilität, zwei zerstörte Staaten, ein wahrscheinlich viele Jahre andauernder Krieg.

In den Jahren seit den arabischen Aufständen 2011 wurde in den meisten Ländern eine große Chance verpasst: die Islamisten zu einem verlässlichen Spieler und politischen Konkurrenten in einer sich demokratisierenden Gesellschaft zu machen. Nicht die Diktatoren, sondern die politischen Islamisten waren die größten Konkurrenten der Dschihadisten, weil sie statt des Kampfes den politischen Weg zu einem Staat nach den Vorstellungen der gläubigen Araber bevorzugten. Wir wissen, wie die Geschichte ausging.

In Ägypten vertrieben die Generäle die Muslimbrüder im Juli-Putsch 2013 von der Macht. Die Islamisten wurden nach gewaltsamen Demonstrationen in Massen erschossen und ins Gefängnis gesteckt. Seither gewinnen die Dschihadisten Oberwasser, es gibt wieder viele Terroranschläge in Ägypten. In Jordanien werden die Muslimbrüder vom politischen Establishment ausgeschlossen. Israel boykottiert die Palästinenser, sobald sich Hamas auch nur an einer Technokratenregierung beteiligt. Die Vereinigten Arabischen Emirate verhaften und verurteilen Muslimbrüder zum Tode. Saudi-Arabien hat einen Feldzug gegen die Muslimbrüder geführt und sie in den meisten Ländern erfolgreich marginalisiert. 

Das ist die Lehre, die junge gläubige Eiferer daraus ziehen: Politik ist eine leere Übung, der Weg der Muslimbrüder über freie Wahlen und demokratische Institutionen hat nur ins Gefängnis geführt. Man kann als Islamist nur überleben, wenn man in den Untergrund geht oder zu den Waffen greift. Und daraus entsteht dann die Logik, an deren Ende Organisationen wie Isis immer mehr Zulauf haben. Das Resultat ist nun in den arabischen Großstaaten Syrien und Irak zu besichtigen: Zulauf für die Dschihadisten.

Dass eine stabile Ordnung gerade ohne Diktatoren entsteht, dafür gibt es einen Gegenbeweis: Tunesien. Dort geht die Demokratisierung ins vierte Jahr, mit einer neuen demokratischen Verfassung. Die Muslimbrüder haben bei ihrer Abfassung eine wichtige Rolle gespielt. Sie bewiesen genauso wie die säkularen Kräfte etwas, was dem Diktator abgeht: Kompromissfähigkeit. Und siehe da: Das Land ist stabiler, als viele es vorhergesagt haben.