Irakische Familien aus der Provinz Niniveh passieren einen kurdischen Checkpoint im Norden des Landes. © Safin Hamed/AFP/GettyImages

Polizeiwachen stehen in Flammen und schwarze Flaggen der Extremisten wehen über öffentlichen Gebäuden der nordirakischen Metropole Mossul. Gouverneur Atheel Nujaifi konnte sich in letzter Minute aus seinem Regierungssitz vor den Angreifern retten. In der ganzen Stadt ließen Polizisten ihre Fahrzeuge im Stich, warfen ihre Uniformen fort und suchten Hals über Kopf das Weite. Nach fünf Tagen heftiger Kämpfe rückten dafür Hunderte schwer bewaffnete islamistische Kämpfer ein und brachten damit die zwei Millionen-Einwohner-Stadt unter ihre Kontrolle.

Sämtliche Geschäfte waren am Dienstag geschlossen, Familien verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen, die Straßen glichen Geisteralleen. "Wir haben Mossul befreit und schießen nur auf Leute, die uns angreifen", ließen die Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat von Irak und Syrien (Isis) durch Lautsprecherwagen ausrufen. Die Miliz steht dem Terrornetzwerk Al-Kaida im Irak nahe.


Die Zentralregierung in Bagdad forderte nun das Parlament auf, den nationalen Notstand auszurufen. Unter dem Druck der Angreifer hat die Armee in Mossul ihre Einheiten zunächst einmal ins Umland zurückgezogen. Die Soldaten sind total zermürbt und demoralisiert, berichten irakische Offiziere. Verzweifelt beschwor der amtierende Ministerpräsident Nuri al-Maliki die Bevölkerung über das Staatsfernsehen, die radikalen Eroberer auf eigene Faust zu bekämpfen.

Isis besetzt Städte im Westen und Norden

Sechs Wochen nach den Parlamentswahlen Ende April verliert Iraks Führung zunehmend die Kontrolle über das Land. Seit sechs Monaten hält das Drama um Falludscha den Westen des Zweistromlandes in Atem. In Falludschas Nachbarstadt Ramadi drangen Isis-Kämpfer in die Universität ein und nahmen zahlreiche Studenten und Professoren vorübergehend als Geiseln. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks haben sich mittlerweile 500.000 Menschen im kurdischen Teil des Iraks oder im 100 Kilometer entfernten Bagdad in Sicherheit gebracht.

Nun dringen die islamistischen Milizen in den Norden vor. "Wir haben die Kontrolle in Mossul verloren, die ganze Provinz Niniveh ist den Militanten in die Hände gefallen", erklärte Parlamentssprecher Osama al-Nujaifi, der Bruder des geflohenen Gouverneurs. Er bat die US-Armee, in die Kämpfe einzugreifen und den irakischen Streitkräften zu helfen. "Das Ganze ist in jeder Hinsicht ein Desaster", sagte der sunnitische Politiker, der selber aus Mossul stammt.

Syriens Bürgerkrieg zieht weltweit Islamisten an

Die Terroristen hätten den Flughafen erobert, wo ihnen mehrere Kampfhubschrauber und schwere Waffen in die Hände fielen. Aus dem Zentralgefängnis ließen sie etwa 1.400 Häftlinge frei. "Die Situation in der Stadt ist völlig chaotisch und niemand ist da, um uns zu helfen", zitierte die BBC eine verzweifelte Angestellte der Verwaltung.

Zwei Gründe sind für diese Eskalation verantwortlich: Der syrische Bürgerkrieg jenseits der Grenze zieht immer mehr islamistische Kämpfer an. Sie kommen aus der Region oder aus Europa und den USA und träumen von einem eigenen sunnitischen Kalifat aus den Ostprovinzen Syriens und den Westprovinzen des Iraks.

Groll auf Premier al-Maliki

Zudem hegt die sunnitische Minderheit im Irak mittlerweile einen tiefen Groll gegen das autoritäre, von Schiiten dominierte Regime von Premierminister Nuri al-Maliki. Die unversöhnliche Haltung des autoritären Regierungschefs, der nach den Wahlen Ende April auf eine dritte Amtszeit hofft, hat erheblich zur Radikalisierung der sunnitischen Bevölkerung beigetragen.

So erreicht die Gewalt im Irak inzwischen wieder Ausmaße wie zuvor nur in der Bürgerkriegsepoche 2006 und 2007. Im vergangenen Jahr starben nach Angaben von Iraq Body Count 9.570 Menschen durch Anschläge und politisch motivierte Gewalt. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres waren es bereits 5.500.