Die islamistische Truppe Isis ist auf dem Vormarsch nach Bagdad. Das hören wir seit Tagen. Das Wort "Vormarsch" suggeriert, dass vor den Toren der irakischen Hauptstadt eine feindliche Armee stünde, die sich auf einem Eroberungsfeldzug befinde. Passend zum "Vormarsch" verbreitete Isis Fotos und Videos im Internet, wonach sie Hunderte irakische Soldaten und Polizisten hingerichtet habe. Die Bilder von gefesselten, gedemütigten und schließlich erschossenen Irakern gingen um die Welt. Ihr Wahrheitsgehalt konnte nicht überprüft werden. Doch ihre Wirkung ist immens. Da ist nicht nur eine feindliche Armee auf dem Vormarsch, sondern eine äußerst grausame Horde. Moderne Hunnen vor Bagdad!

Diese Vorstellung hat sich in unseren Köpfen verfestigt – und schwächt unsere Urteilskraft.

Isis ist keine Armee, sie ist eine mehrere Tausend Fanatiker zählende Organisation, die in vielen Kriegen geformt worden ist. Isis ist auch nicht erst seit gestern im Irak aktiv. In der Millionenstadt Mossul beispielsweise treibt sie seit Jahren ihr Unwesen. Sie ist also nicht einmarschiert.

Wenn es auch stimmt, dass Isis mehrere Städte im Irak unter ihre Kontrolle gebracht hat, so ist das Wort Vormarsch irreführend, weil es den militärischen Aspekt dieser Geschichte verabsolutiert. Der Erfolg der Isis hat keine militärischen Ursachen, sondern politische. Die sunnitischen Stämme Iraks empfinden keine Loyalität mehr gegenüber der Zentralregierung, die vom Schiiten Nuri al-Maliki geführt wird. Sie fühlen sich von Maliki ausgegrenzt und diskriminiert. Und sie haben sich offenbar dazu entschlossen, ihn zu stürzen. Isis ist dafür ein Mittel, das die sunnitischen Stammesführer nutzen.  

Um die dramatische Krise im Irak zu begreifen, müssen wir also differenzieren. Der Begriff "Vormarsch" aber lässt diese Differenzierung nicht zu. Wir kennen das aus anderen Ländern, die von "islamistischen Armeen" bedroht wurden: Afghanistans Taliban, Somalias Al-Shabab-Milizen, Malis islamistische Extremisten, die Seleka in der Zentralafrikanischen Republik – sie waren alle auf dem "Vormarsch", auf Kabul, Mogadischu, Bamako oder auf Bangui. Aber alle Gruppierungen sind und waren äußerst heterogen. Ihre militärischen Erfolge entsprangen immer einer ganz bestimmten, oft sehr länderspezifischen politischen Konstellation.

Es gibt keine islamistisch-extremistischen Armeen mit klaren Strukturen und vertikalen Befehlsketten. Es gibt Ad-hoc-Koalitionen ganz unterschiedlicher Gruppierungen, die in gewissen Augenblicken der Geschichte extremistischen Truppen eine Chance eröffnen. Es ist aber die Natur der Ad-hoc-Koalitionen, dass sie ziemlich schnell wieder zerfallen, sobald sich die politischen Bedingungen ändern.

So beängstigend der Erfolg von Isis auch sein mag, so fragil ist er. Das sollte man nicht vergessen, auch jetzt nicht, da Isis Angst und Schrecken verbreitet, um uns zu lähmen und den Verstand zu vernebeln.