Isis hat ein Kalifat ausgerufen. Das ist lächerlich. Denn die Terrororganisation, die sich großspurig "Islamischer Staat im Irak und in der Levante" nennt, ist kein Akteur, der auch nur im Geringsten über religiöse Glaubwürdigkeit verfügt. Die Isis-Kämpfer verstehen vom Koran gewiss weniger als von einer Kalaschnikow. Und ihr Führer Abu Bakr al-Bagdadi hat vermutlich mehr Zeit beim Bomben-Basteln verbracht als beim Studium zur Verinnerlichung der Lehren Mohammeds.

Wer die Proklamation des Kalifats ernst nimmt, das anknüpfend an das "goldene Zeitalter" des Islam vorgeblich wieder eine religiös-weltliche Herrschaft über Irak und Syrien errichten soll, tappt in eine Falle. Das gilt für junge Deutsche, die sich von Isis angezogen fühlen und überlegen, in den Dschihad zu ziehen; und das gilt genauso für die Staatenkoalition, dies sich jetzt anschickt, dieses "Kalifat" zu bekämpfen.

Isis beruft sich auf das alte islamische Gottesreich, weil es sich selbst adeln möchte: Wir führen Krieg im Namen Gottes. Alle Muslime müssen uns folgen. Wir sterben, damit Ihr ein gottgefälliges Leben in dieser verruchten Welt führen könnt! Das ist die Botschaft von Isis. Das sollen wir glauben.

Isis ist aber in ihrem Kern eine Terrortruppe, die Religion nur als Alibi benutzt. Das Kalifat ist ein Markenname, der ihr Geschäft befördern soll.

Terrorgruppen wie Isis sind kriminelle Vereinigungen, in deren Zentrum nicht das Streben nach einem gottgefälligen Leben steht, sondern die Gier nach Geld und Macht. Ob in Nigeria, in Mali, in Somalia, in Afghanistan oder jetzt im Irak: Alle sogenannten islamistischen Terrorgruppen haben mit unterschiedlichem Erfolg versucht, ein Territorium unter ihre ausschließliche Kontrolle zu bringen, um dort in aller Ruhe ihren illegalen Aktivitäten nachzugehen. Menschen, Drogen, Waffen – das sind ihre bevorzugten Handelswaren. Damit Geschäfte zu machen, das ist das hässliche, irdische Paradies, das sie anstreben. Und nichts anderes ist das Kalifat, das Isis nun ausgerufen hat.

Wenn wir von Isis und ähnlichen Gruppen reden, dann müssen wir also im Grunde von groß-organisierter Kriminalität sprechen. Sie haben keine Ideologie, die es wert ist, als solche bezeichnet zu werden. Sie haben ein ökonomisches Modell, das sie durchsetzen wollen.

Isis ist das Produkt einer ganzen Reihe von Kriegen. Da ist der "Krieg gegen den Terror", den die USA seit 2001 führen und der vor allem den Irak, Afghanistan und Pakistan in Mitleidenschaft gezogen hat; da ist der Krieg, den der syrische Diktator Bashar al-Assad seit mehr als drei Jahren gegen das eigene Volk führt; und da ist der Stellvertreterkrieg, den die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran auf dem Rücken der Syrer austragen. Die extreme Brutalisierung von Isis spiegelt diese Kriegsgeschichte wider.

Die Geschichte von Terrororganisationen zeigt eines: Wenn der Terror überhaupt eine ideologische Basis hat, wird diese im Kampf relativ schnell abgeschliffen. Alles Politische verschwindet, auch alles Religiöse. Es bleibt nur mehr Gewalt, Gier und Größenwahn. Das sind die drei G's des Kalifats von Isis.