Im Streit um die Besetzung der EU-Kommissionsspitze hält die CDU-Führung einem Zeitungsbericht zufolge einen Rückzug Jean-Claude Junckers für möglich. Im Umfeld von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei inzwischen von einem möglichen "freiwilligen Verzicht" des früheren luxemburgischen Regierungschefs die Rede, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung. "Das wäre eine von mehreren Optionen", zitiert das Blatt Parteiführungskreise.

Dem Bericht zufolge ist sich die Führungsriege darüber im Klaren, dass ein Abgang Junckers die Wähler derzeit verwirren und enttäuschen könnte. Dies könne sich aber ändern, wenn sich nach einer monatelangen Debatte erweise, dass Juncker im Kreis der Staats- und Regierungschefs nicht durchsetzbar sei. Auch komme es auf die konkrete Alternative an.

Als mögliche Alternativen nennt die Zeitung die Regierungschefs Irlands und Finnlands, Enda Kenny und Jyrki Katainen, sowie den polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski, die alle der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) angehören. Weiterhin wurde Dänemarks sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt genannt.

Juncker steht für starke europäische Integration

Der neue EU-Kommissionspräsident soll erstmals unter Berücksichtigung des Ergebnisses der Europawahl vom EU-Parlament gewählt werden. Bei der Wahl Ende Mai gab es europaweite Spitzenkandidaten – für die EVP war es Juncker. Bis Ende Juni sollen sich die Staats- und Regierungschefs auf einen Vorschlag einigen, über den das Parlament dann abstimmen soll.

Juncker gilt in den Augen einiger Konservativer als zu proeuropäisch und als Gegner radikaler Reformen. Der britische Premierminister David Cameron etwa will sein Land unabhängiger von den Entscheidungen in Brüssel machen – Juncker steht hingegen für eine noch stärkere europäische Integration.

Cameron stimmt sich seit Montag auf einem Vierergipfel in Schweden mit Merkel sowie den Regierungschefs Schwedens und der Niederlande, Fredrik Reinfeldt und Mark Rutte, ab. Merkel unterstützt als einzige Teilnehmerin offiziell Juncker. Sie sagte, es sei "nicht zu erwarten, dass wir hier abschließende Entscheidungen zu Personalien treffen".

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder (CDU), warnte in der Rheinischen Post  vor "Tricksen und Taktieren" bei der Personalie. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), sagte, es dürfe nun keine "Negativagenda für Europa formuliert" werden.