Wir müssen schon noch einmal zurückkommen auf die Kämpfe im Osten der Ukraine, auch auf die Gefahr hin, dass sich selbst unter die Leserkommentatoren zu dieser Kolumne moskautreue oder gar moskaugesteuerte "Einflussagenten" mischen; bisher konnte man das bei einigen fast formelartigen Texten nur ahnen – inzwischen weiß man mehr über diese Infiltration der sozialen Netzwerke. Sei's drum...

Es ist nämlich schon sehr interessant zu sehen, wie die Moskauer Politik die ukrainischen "Separatisten" hätschelt und gegen den Versuch der Kiewer Regierung, das legale Gewaltmonopol im Lande wieder herzustellen, agitiert – wozu natürlich auf die Dauer mehr nötig ist als nur durchaus legitime Gewalt. Kein Staat der Welt, ob demokratisch oder (erst recht) diktatorisch regiert, würde es zulassen, dass irreguläre Insurgenten die verfassungsmäßige Herrschaft im Lande mit willkürlicher Waffengewalt herausfordern und die etablierte Ordnung aufs Geratewohl zerstören. Aber Putin und seine Leute tun so, als sei diese Abwehr unerlaubt, ja verbrecherisch. Die Regierung schieße aufs eigene Volk? Ja, soll sie denn tatenlos zusehen, wie selbsternannte "Separatisten" den Staat zerlegen und ihrerseits auf Landsleute schießen?

Wie heuchlerisch Moskaus Klagelieder über das Weh und Ach sind, das den Separatisten angetan wird, erkennt man auf einen Schlag, wenn man sich erinnert, wie Moskau mit "seinen" Separatisten – zum Beispiel in Tschetschenien – umspringt. Wer noch die Bilder der dem Erdboden gleichgemachten Stadt Grosny vor Augen hat, der kann die Liebesbekundungen Putins für die ukrainischen Separatisten nur als Gipfel des Zynismus empfinden – und muss sich zudem fragen, weshalb keiner der zeitgenössischen Politiker ihm diese Doppelzüngigkeit um die Ohren haut.

Und wie Moskau mit wirklichen Freiheitsbewegungen umging, das haben die Menschen in der DDR, in Polen, in Ungarn und in der einstigen Tschechoslowakei noch zur Genüge in Erinnerung. Darauf dürfe man heute nicht mehr zu sprechen kommen? Man würde es vielleicht auch gar nicht tun, wenn die aus jener Epoche nur allzu berüchtigte Anforderungen der "Bruderhilfe" aus Moskau nicht auch aus dem Osten der Ukraine nicht nur zu vernehmen wäre, sondern eben auch betätigt würde – durch eingesickerte, irreführend uniformierte Kämpfer und durch schwere Waffen, über deren Herkunft keine Zweifel bestehen können.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Wir hegen, erstens, keinen Groll gegen Russland oder gar "die Russen", die ja von den staatsgesteuerten Medien propagandistisch in die Irre geführt werden. Und wir wissen, zweitens, dass Frieden im Osten der Ukraine weitaus mehr verlangt als das Niederringen separatistischer Gewalt – der neue Präsident der Ukraine hat ja schon einige Angebote zur politischen Befriedung gemacht, die darüber hinausgehen. Aber wenn Wladimir Putin das Schicksal der russophilen Separatisten in der Ostukraine wirklich ans Herz greift, dann sollte er ihnen als erstes von der staatszerstörenden Gewalt abraten, zu der er sie bisher doppelzüngig ermutigt. Und sodann seine Ambitionen auf den Besitz der Ostukraine oder die Hoffnung auf die Souzeränität der ganzen Ukraine aufgeben.