Würden deutsche Soldaten für Estland in den Krieg ziehen?, fragt der Historiker Heinrich-August Winkler. Vor allem: Was wäre, wenn sie es nicht täten? Sollte Artikel 5 des Nato-Vertrages, die gegenseitige Beistandspflicht, nicht mehr gelten, so Winkler, dann sei das Nordatlantische Bündnis "tot". Zur gleichen Zeit warnt der schwedische Außenminister Carl Bildt: Sollte Wladimir Putin auf die Idee kommen, in einen der Baltenstaaten einzumarschieren, befände er sich "im Krieg" mit Europa und Nordamerika.

Mit ihren Einschätzungen sitzen Winkler wie Bildt einem verbreiteten Irrtum über die Kernklausel der Nato auf: Sie überschätzen ihren Garantiegehalt. Artikel 5 des Washingtoner Vertrages legt fest, dass ein Angriff auf ein Nato-Mitglied als ein Angriff auf alle Mitglieder gewertet wird. Daraus folgt allerdings keineswegs ein Automatismus zum militärischen Eingreifen. Wörtlich heißt es in dem Artikel, dass jede Vertragspartei "die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten".

Der Spielraum dessen, was ein Nato-Staat im Fall der Fälle für "erforderlich" erachten kann, ist also denkbar weit. Er reicht von einer Tasse Tee bis zum Nuklearwaffeneinsatz.

Es waren die Amerikaner selbst, die bei der Formulierung des Nato-Vertrages auf diese Relativierung bestanden haben. Der Kongress wollte sein Mitspracherecht über Krieg und Frieden nicht durch eine Schalterwirkung aushebeln lassen. Nichts anderes kann für die parlamentarische Mitbestimmung aller übrigen Nato-Demokratien gelten. Einen verbindlichen Anspruch auf militärischen Beistand gibt Artikel 5 deshalb nicht her. 

Umgekehrt heißt das: Der Wert der Nato bemisst sich nur im Extremfall an der Frage, ob Deutsche für Balten zu sterben bereit wären oder Balten für Deutsche. Unterhalb dieser Schwelle gibt es eine Menge milderer Möglichkeiten, Solidarität und Bündnisstärke zu beweisen. Eine bewährte Art besteht in der Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen Abschreckung. Dazu gehören die großangelegten Manöver, die die Nato jedes Jahr in der Ostsee abhält, oder auch die Planspiele zur Verteidigung des Baltikums, die im Brüsseler Hauptquartier ständig aktualisiert werden.

Dazu gehört auch, schon in der Anbahnung eines Spannungsfalls dem Grundsatz si vis pacem para bellum (Willst du Frieden, rüste dich zum Krieg) gerecht zu werden, potenziellen Aggressoren also den Wagemut zu nehmen, indem man ihnen Entschlossenheit entgegensetzt. Genau das tun gerade eine Reihe von Nato-Staaten, unter ihnen Deutschland, indem es die Luftpatrouillen über dem Baltikum verstärkt.

Übrigens befindet sich die Nato, genau betrachtet, noch immer im Bündnisfall. Er wurde – zum ersten Mal überhaupt – am Tag nach den Al-Kaida-Attacken am 11. September 2001 in den USA ausgerufen und danach nicht mehr aufgehoben. Die Bush-Regierung hatte gar nicht darum gebeten. Es war der damalige Nato-Generalsekretär George Robertson, der auf die Erklärung des casus foederis drängte, aus Sorge, das Bündnis könnte in diesem entscheidenden Augenblick an den Rand gedrängt werden. Die konkrete Folge des Bündnisfalls war, noch so ein Detail, auch nicht der Afghanistan-Einsatz der Nato. Der fand ab 2003 auf Grundlage von Mandaten der Vereinten Nationen statt.

Die einzige konkrete Missionsfolge war und ist der Einsatz Active Endeavour im Mittelmeer. Die maritime Antiterrormission stützt sich unmittelbar auf Artikel 5. Da diese Mission noch immer bestehe, schließt man im Nato-Hauptquartier, müsse wohl auch der Bündnisfall noch immer gelten. Doch bei der Nachfrage beim Bündnis wird klar: Ganz sicher sind sich die Sprecher auf Anhieb nicht.