Training von Nato-Spezialkräften in Litauen © Petras Malukas/AFP/Getty Images

Niemand findet derzeit gegenüber Moskau so deutliche Worte wie Anders Fogh Rasmussen: Russland bedrohe die Stabilität und Sicherheit der  euro-atlantischen Region, sagte der Nato-Generalsekretär zu Beginn des Treffens der Verteidigungsminister der 28 Mitgliedstaaten der Allianz in Brüssel mit Blick auf die Ukraine. "Russlands unverantwortliches und illegales Handeln ist eine ernste Herausforderung an ein einziges, freies und friedliches Europa." 

Fitter, schneller und flexibler müsse die Nato werden, forderte er. Doch die Bündnispartner werden sich nur in Ansätzen einigen, was aus Rasmussens Worten folgt. Die östlichen Mitglieder wie Polen oder die baltischen Staaten wollen eine Stationierung zusätzlicher Truppen in ihren Ländern, um Russland von weiteren Annexionen wie auf der Krim oder von Aggressionen wie im Osten der Ukraine abzuschrecken. Deutschland, aber auch Frankreich oder Großbritannien geht das zu weit, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach vom richtigen Maß zwischen Selbstbewusstsein und Besonnenheit.

Substanzielle Entscheidungen werden erst beim Nato-Gipfel im September erwartet. Bis dahin wird sich die Allianz über ihre kurz- und mittelfristige Ausrichtung im Konflikt mit Russland hinaus grundsätzlich über ihre künftige Rolle klar werden müssen. Die USA gehen voran, indem sie kurzfristig ihre Truppen in Osteuropa verstärken und intensiver mit Nichtmitgliedern wie der Ukraine, Georgien oder Moldau zusammenarbeiten. Deutschland, Polen und Dänemark wollen das Hauptquartier des Multinationalen Korps Nordost im polnischen Stettin aufstocken. Und es soll eine stärkere Luftraumüberwachung in den baltischen Staaten und mehr gemeinsame Manöver und Lehrgänge geben. Eine neue Nato-Strategie sind diese Schritte aber noch nicht.

Russland ein Partner für Sicherheit und Frieden?

Noch vor wenigen Jahren gab es in Nato-Kreisen zwei Weltsichten: Die eine fußte auf dem Glauben, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehe von Russland keine Gefahr mehr aus, das Land werde sich modernisieren und nach Westen orientieren. Es könne ein Partner für Sicherheit und Frieden in Europa sein. Sie begründete lange die strategische Linie des Militärbündnisses, das sich anderen Aufgaben als der territorialen Verteidigung zuwenden musste, um eine Daseinsberechtigung zu behalten, Kriseneinsätzen außerhalb Europas etwa.

Aus diese Weltsicht erwuchs ein wichtiges Argument für die Erweiterung der Nato nach Osten: Was sollte Russland dagegen haben, wenn sich die Länder in seiner Nachbarschaft dieser Allianz kollektiver Sicherheit anschlössen, mit der es selbst in Kooperation verbunden war? Eine Zeit lang mochte man sogar glauben, Russland könne sich selbst in das Bündnis einreihen.

Die andere Weltsicht war häufiger in den neu hinzugekommenen Staaten zu hören, die ihre Sicherheit eher gegen als mit Moskau definierten, sich von der alten Idee des Verteidigungsbündnisses also nie verabschiedeten. Ihre Weltsicht war geprägt von Misstrauen gegenüber Russland und von einem durch die historischen Erfahrungen geschärften Blick. Während die Westeuropäer gnädig, um nicht zu sagen verständnisvoll, gegenüber den zunehmend autoritären Tendenzen in Russland und seiner immer konfrontativeren Außenpolitik blieben, war Moskau für seine direkten Nachbarn nie eine friedliche Macht.