Fatma Özkan hat ihren Mann verloren. Eben haben sie gemeinsam die Wiener Albert-Schultz-Halle betreten, aber irgendwie sind beide in der Menge verschwunden. Nun lässt Fatma Özkan ihren Mann ausrufen. "Wo ist er?", ruft der Moderator, "bringen wir schnell das Paar zusammen!" Die Zuhörer lachen, Herr Özkan findet sich, das Paar ist wieder vereint. "Wir bringen die Leute zusammen", sagt der Moderator. Mit "Wir" meint er alle in dieser Halle, die Gäste, die Gastgeber und vor allem den Gastredner, der später wie ein Popstar empfangen werden wird: Recep Tayyip Erdoğan. Der türkische Ministerpräsident macht inoffiziellen Wahlkampf in Österreich.

Es fühlt sich bereits am frühen Nachmittag an wie bei einem Konzert, dabei sind die Reihen noch nicht einmal voll. Der Moderator will von der Menge wissen: "Liebt ihr ihn?", und die Anwesenden rufen ihm die einzig mögliche Antwort zu: "Ja!" Man möge die Fahnen schwenken, um den Premier später gebührend zu empfangen.

Die Albert-Schultz-Halle befindet sich im 22. Wiener Gemeindebezirk, draußen in Transdanubien. Das größte Eissportzentrum Österreichs wurde für den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten mit einem roten Teppich ausgelegt. Bis zu 7.000 Menschen haben hier Platz. Nicht genug für Erdoğans Fans, die Veranstalter stellten vor der Halle eine Leinwand auf. Dort weht ein patriotisches Fahnenmeer. Die Sicherheitskontrollen sind streng, und wer keine Eintrittskarten ergattert hat, geht entlang der Sperrungen auf und ab, auf der Suche nach Sicherheitskräften, die einen doch noch durchlassen.

Erdoğan ist in Wien nicht willkommen

Dass die Veranstaltung überhaupt in dieser Halle stattfindet, ist für den Wiener eine kleine Überraschung. Die Stadthalle, normalerweise Austragungsort für Großveranstaltungen dieser Art, hatte laut den Veranstaltern ihre Zusage zurückgenommen. Zwei weitere Hallen hatten den politischen Charakter des Events als Grund für ihre Absage genannt. Erdoğan ist nicht willkommen in Wien. Das liegt auch an der besonderen Beziehung der beiden Länder: Über 300 Jahre, nachdem die türkische Armee zuletzt die Stadt belagert hat, scheint die Bedrohung durch die Türken noch immer ein Motiv zu sein, dass in der österreichischen Öffentlichkeit eine Rolle spielt. Und es scheint auch ein Motiv zu sein, wie dieser Tag zeigen wird, dass der heutige türkische Premier gerne bedient.

Die Vorabberichte der Medien waren eine sonderbare Mischung aus Kritik am Regierungsstil des Premiers, Unwohlsein über eine offensichtliche Wahlkampfveranstaltung, Ärger, weil die halbe Stadt lahmgelegt wurde (die Veranstaltung sowie die Gegendemonstration haben den Verkehr stundenlang beeinträchtigt) und offenem Türkenhass. Bei der Gegendemonstration, die zeitgleich zur Rede stattfand, war ein Plakat von Erdoğan mit Hitler-Bart zu sehen.

Vor allem mit den Medien hatte der Veranstalter, die Union of European-Turkish Democrats (UETD), einen Kleinkrieg geführt. Beklagten Vertreter der Union bei einer Pressekonferenz noch die Feindseligkeiten im Vorfeld der Veranstaltung, berichtete eine Journalistin der Wiener Gratiszeitung Heute über Einschüchterungsversuche.

Am 10. August wird in der Türkei der Präsident gewählt, zum ersten Mal direkt vom Volk. Dem Premier werden Ambition für dieses Amt nachgesagt. Offiziell aber besucht Erdoğan Wien, um das zehnjährige Bestehen der UETD zu feiern – wie bei seinem Besuch Ende Mai in Köln.