Mitarbeiterinnen der afghanischen Wahlkommission bei der Stimmzählung in Masar-i-Scharif © EPA/SAYED MUSTAFA

Millionen Afghanen haben allen Angriffen und Drohungen der Taliban getrotzt und einen Nachfolger für Präsident Hamid Karsai gewählt. Bei der historischen Stichwahl traten am Samstag Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sowie der frühere Finanzminister Aschraf Ghani gegeneinander an. 

Es handelt sich um die erste demokratische Machtübergabe in der Geschichte des Landes. Das vorläufige Wahlergebnis wird erst Anfang Juli verkündet, das Endergebnis soll am 22. Juli bekanntgegeben werden. Die Amtseinführung des neuen Präsidenten ist für den 2. August geplant.

Den Taliban gelang es nicht, die Wahl maßgeblich zu stören, obwohl sie wie schon in der ersten Wahlrunde am 5. April zahlreiche Gewaltakte ausführten. Das Innenministerium registrierte bis Samstagnachmittag mindestens 150 Anschläge und Angriffe. Dabei seien 14 Zivilisten getötet und 41 weitere verletzt worden, sagte Vize-Innenminister Mohammad Ajub Salangi nach Schließung der Wahllokale. Bei einem Raketenbeschuss in der ostafghanischen Provinz Chost wurden nach Angaben der Behörden fünf Kinder getötet.

Die Taliban teilten hingegen mit, sie hätten bis zum Mittag 246 Ziele im Land angegriffen. Nach Angaben der Regierung wurden 400.000 Sicherheitskräfte eingesetzt, um Wähler und Wahllokale zu schützen. Bei der ersten Wahlrunde waren nach Ministeriumsangaben vier Zivilisten bei 140 Angriffen und Anschlägen getötet worden.   

"Beeindruckend hohe Wahlbeteiligung"

Unmittelbar nach dem Ende der Wahl begann die Auszählung der Stimmen. Nach Angaben der Wahlkommission (IEC) lag die Wahlbeteiligung bei etwa 60 Prozent. Mehr als sieben Millionen der rund zwölf Millionen Wahlberechtigten hätten ihre Stimme abgegeben, sagte IEC-Chef Jusuf Nuristani. 

In Kabul und in anderen Städten hatten sich Schlangen vor den Wahllokalen gebildet. Die deutsche Botschaft in Kabul sprach über Twitter von einer "erneut beeindruckend hohen Wahlbeteiligung" und lobte den Mut der Wähler. Auch das Weiße Haus gratulierte der afghanischen Bevölkerung und würdigte ihren Mut. Die Wahlen seien auf Afghanistans demokratischem Weg ein wichtiger Schritt nach vorn, hieß es in einer Erklärung.

Aus einigen ländlichen Gegenden schilderten Augenzeugen allerdings, dass Drohungen der Taliban Wähler von der Stimmabgabe abschreckten. In mehr als 330 Wahllokalen im Land gingen die Wahlzettel aus, die Wahlkommission musste Nachschub liefern. Bei der ersten Wahlrunde am 5. April hatte die Wahlbeteiligung bei 55 Prozent gelegen. Beobachter hatten bei der Stichwahl eine geringere Beteiligung befürchtet.

Abdullah und Ghani hatten vor der Abstimmung zu einer ehrlichen Wahl mit einem transparenten Ergebnis aufgerufen. Abdullah war bei der ersten Wahlrunde auf 45 Prozent der Stimmen gekommen und hatte die erforderliche absolute Mehrheit damit verfehlt. Ghani gewann 31,6 Prozent der Stimmen.

Sowohl Abdullah als auch Ghani haben im Falle ihres Wahlsieges versprochen, die Sicherheitslage zu verbessern, wirtschaftliche Probleme anzugehen und die Korruption zu bekämpfen. Beide haben außerdem zugesagt, ein Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterschreiben, das Voraussetzung für einen internationalen Militäreinsatz nach Ablauf dieses Jahres ist.