Die Kanzlerin übte sich am Freitagvormittag in einer Kunst, die sie nur wenig beherrscht: diplomatische Schauspielerei. Als sie bei den Feiern zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie Russlands Präsident Wladimir Putin traf, gab sie ihm nur kurz und distanziert die Hand – mit hochgezogenen Augenbrauen. Danach setzten sich beide mit deutlichem Abstand an einen Tisch und wandten ihre Blicke ab. Demonstrativer ging die Botschaft kaum, die Merkel aussenden wollte: Diesem Mann ist nicht zu trauen; ich spreche mit ihm nur, weil ich immer noch auf eine diplomatische Lösung der Ukraine-Krise hoffe.

Es war die erste persönliche Begegnung Merkels mit Putin seit der russischen Annexion der Krim und den folgenden Kämpfen in der Ostukraine mit mutmaßlicher russischer Beteiligung. Nach dem wenigen, was danach bekannt wurde, wird es bei dem Treffen nicht sehr freundlich zugegangen sein. Merkel forderte Putin auf, alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Lage im Nachbarland zu stabilisieren. Nach Auffassung der westlichen Länder gehört dazu, die Separatisten in der Ostukraine zu bewegen, ihre Waffen niederzulegen. Außerdem sollen die russischen Truppen von der Grenze abziehen.

Russland hat das bisher verweigert und stets betont, dass die russlandtreuen Kämpfer im Osten der Ukraine nicht von Moskau gesteuert würden. Dass von russischer Seite nach dem Treffen mit Merkel von der Suche nach Kompromissen die Rede war, deutet allerdings darauf hin, dass Putin bereit sein könnte, sich zu bewegen.

Das wurde auch deutlich, als Putin wenig später auf Vermittlung des französischen Präsidenten François Hollande den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko traf, im Beisein Merkels. Bis kurz vorher war unsicher gewesen, ob der russische Präsident ihm bei der festlichen Gelegenheit die Hand geben würde. Schließlich hatte Moskau seine Wahl bisher nicht offiziell anerkannt. Nun sprachen sie erstmals über Möglichkeiten, den Konflikt zwischen ihren Ländern zu lösen, was ein erster vorsichtiger Schritt zur Deeskalation sein könnte.

Zuvor hatte die russische Führung bereits angekündigt, dass sie ihren Botschafter zur Amtseinführung Poroschenkos nach Kiew zurückschicken werde – auch dies ein Signal der Entspannung. Beide Seiten wollen in den nächsten Tagen nun über einen Waffenstillstand verhandeln. Was ein indirektes Eingeständnis Putins ist, dass er sehr wohl Einfluss auf die Kämpfer in der Ostukraine hat.

Zu viele und zu schnelle Hoffnungen sollte man allerdings nicht in die Gespräche setzen. Das belegt schon das gescheiterte Abkommen von Genf, das nicht zu der vereinbarten Waffenruhe geführt hatte. Allerdings bewegt sich gerade nicht nur Putin, sondern auch die ukrainische Regierung. Bislang hatte sie direkte Verhandlungen mit Russland, ohne Beteiligung der USA und der EU, abgelehnt. Nun könnte es, auf Vermittlung von Frankreich und Deutschland, die in der Ukraine-Krise von Anfang an eng zusammen gearbeitet haben, doch dazu kommen.

Die Europäer sind gefordert, wenn es eine politische Lösung des Konflikts und ein Ende der immer heftigeren Kämpfe in der Ukraine geben soll. Denn die USA setzen offensichtlich weiter vor allem auf Druck auf Russland durch weitere Sanktionen. Überraschend sprach allerdings auch Präsident Barack Obama mit Putin über ein mögliches Ende des Konflikts, wie am Tag zuvor schon der britische Premier David Cameron.

Gemeinsame Bemühungen

Der symbolträchtige Gedenktag des gemeinsamen erfolgreichen Kampfes gegen Hitler-Deutschland vereinte so die westlichen Staaten in ihrem Bemühen, die militärischen Kämpfe in der Ukraine zu beenden und einen dauerhaften kalten Krieg mit Russland zu verhindern. 

Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob die Diplomatie wirklich noch eine Chance hat. Putin wird sich darin bestätigt sehen, dass der Westen an ihm nicht vorbeikommt, wenn er eine Ausweitung des Konflikts vermeiden will. Er sollte jedoch auch gespürt haben: Wenn er nicht bereit ist, auf den Westen und die Ukraine zuzugehen, bleibt er isoliert. Dann werden ihn die westlichen Regierungschefs weiterhin allenfalls mit spitzen Fingern anfassen.